(Köln/Deutschland) Wer als queere Person mit Migrationsgeschichte in Deutschland lebt, steckt oft in einer unsichtbaren Lücke: zu fremd für die queere Szene, zu queer für die eigene Community. Der Verein SOFRA – Queer Migrants e.V. aus Köln hat genau für diese Menschen einen Raum geschaffen – und zeigt, was passiert, wenn Betroffene die Lösung selbst in die Hand nehmen.
Zwei Zugehörigkeiten, die sich gegenseitig ausschließen sollen. Das ist die Realität, mit der viele LSBTIQ*-Menschen mit Migrationsgeschichte täglich umgehen. In konservativ geprägten migrantischen Gemeinschaften stoßen sie auf Ablehnung wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. In der oft weiß dominierten queeren Szene Deutschlands erleben sie strukturellen Rassismus. Und die Sozialsysteme dazwischen sind selten auf Menschen ausgerichtet, die beides gleichzeitig tragen.
Yasmin – Name geändert – kennt dieses Gefühl. Die trans Frau floh aus Syrien vor Krieg und Verfolgung, nur um auch in Deutschland immer wieder auf Ablehnung zu stoßen. Einen Ort, der sie vollständig willkommen hieß – mit ihrer Fluchtgeschichte und ihrer Identität – fand sie lange nicht.
Ein Tisch für alle
2019 gründete eine Gruppe queerer Aktivist*innen in Köln den Verein SOFRA – Queer Migrants e.V. Die Ursprünge als lose Initiative reichen bis 2017 zurück. Der Name „Sofra“ steht im Türkischen, Arabischen und Persischen für den Esstisch – einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen, essen und reden. Dieses Bild ist Programm.
SOFRA gilt als eine der ersten LSBTIQ*-spezifischen migrantischen Selbstorganisationen in Nordrhein-Westfalen. Die Gründer*innen hatten nicht nur eine Vision – viele von ihnen waren selbst von den beschriebenen Erfahrungen betroffen. Sie wussten aus eigener Anschauung, wie sich diese Lücke anfühlt (SOFRA – Queer Migrants e.V. 2024).
Heute bietet der Verein einen sogenannten Empowerment Space: ein physischer und symbolischer Rückzugsort, in dem Mitglieder ohne Angst vor Diskriminierung sie selbst sein können. Gemeinsames Kochen, Tanzen, Freizeitangebote – aber auch Workshops zu Coming-out, rechtlichen Fragen oder Traumabewältigung. SOFRA verbindet das Alltägliche mit dem Politischen, ohne dabei die einzelne Person aus dem Blick zu verlieren.
Wusstest du? Menschen, die mehrfach diskriminiert werden – etwa aufgrund von Herkunft und sexueller Identität gleichzeitig – haben statistisch häufiger mit psychischen Belastungen zu kämpfen als Menschen, die nur einer Form von Diskriminierung ausgesetzt sind. Intersektionale Ansätze wie der von SOFRA versuchen, genau dieser Komplexität gerecht zu werden.
Von der Initiative zur Struktur
Yasmin fand bei SOFRA nicht nur Freunde, sondern auch praktische Unterstützung: Sie begann eine Therapie und setzte ihre rechtliche Anerkennung als Frau durch. Heute ist sie selbst Teil des Teams und begleitet andere Geflüchtete auf ihrem Weg.
Solche Geschichten zeigen, was passieren kann, wenn Betroffene nicht nur als Zielgruppe, sondern als Handelnde gedacht werden. SOFRA nimmt regelmäßig am Cologne Pride teil, kooperiert mit lokalen und internationalen Organisationen und hat Workshops mit queeren Aktivist*innen aus anderen Ländern organisiert (Cologne Pride 2024). Die politische Dimension ist dabei kein Anhängsel, sondern Kern: Der Verein hat sich etwa an einer Petition zur besseren Unterstützung queerer Geflüchteter in Sammelunterkünften beteiligt.
Die größte strukturelle Herausforderung bleibt die Finanzierung. Wie viele Vereine dieser Art arbeitet SOFRA überwiegend projektbasiert – was langfristige Planung schwierig macht und die Energie des Teams immer wieder in Antragsarbeit lenkt, statt in die eigentliche Arbeit.
Wusstest du? In Deutschland gibt es keine bundesweite Unterbringungsstruktur, die speziell auf queere Geflüchtete ausgerichtet ist. In Gemeinschaftsunterkünften sind LSBTIQ*-Personen laut Berichten von Beratungsstellen besonders häufig von Diskriminierung und Gewalt betroffen.
„Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der niemand aufgrund von Herkunft oder Identität diskriminiert wird“, beschreibt eine der Mitbegründer*innen den Antrieb des Vereins. Was wie eine politische Floskel klingen könnte, ist bei SOFRA gelebte Praxis – in jedem gemeinsamen Abendessen, jedem Beratungsgespräch, jedem Moment, in dem jemand zum ersten Mal das Gefühl hat: Hier gehöre ich dazu.
Wer die Arbeit von SOFRA unterstützen möchte, findet weitere Informationen unter sofra-koeln.de.
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Quellen
SOFRA – Queer Migrants e.V. 2024. „SOFRA – Queer Migrants e.V. Köln“. [online] Verfügbar unter: https://sofra-koeln.de/
Cologne Pride 2024. „Vereine & Organisationen: SOFRA“. [online] Verfügbar unter: https://www.colognepride.de/
Bundeszentrale für politische Bildung 2023. „Mehrfachdiskriminierung: Wenn Identitäten sich kreuzen“. [online] Verfügbar unter: https://www.bpb.de/
LSVD – Verband queerer Menschen 2023. „Queere Geflüchtete in Deutschland“. [online] Verfügbar unter: https://www.lsvd.de/