Wildbienen-Monitoring durch Schulkinder in Österreich [Österreich]

Die Schülerinnen des Gymnasiums St. Veit knien auf dem Schulhof, die Lupen dicht vor den Augen. Zwischen den Steinplatten haben sie kleine Löcher entdeckt – Nistplätze von Wildbienen. Eine von ihnen notiert eifrig in einem Heft, eine andere fotografiert mit dem Tablet. Was hier aussieht wie ein normaler Biologieunterricht, ist Teil eines österreichweiten Netzwerks. Immer mehr Schulen erforschen die Wildbienen vor ihrer Haustür und liefern damit wertvolle Daten für die Wissenschaft. Ein Gewinn für alle – für die Schüler, die lernen, und für die Bienen, die geschützt werden.

[Wusstest du? In Österreich leben etwa 700 verschiedene Wildbienenarten – mehr als in ganz Nordeuropa zusammen. Viele von ihnen sind extrem spezialisiert und auf bestimmte Pflanzen angewiesen. Die Rothaarige Sandbiene zum Beispiel sammelt Pollen fast ausschließlich an Glockenblumen (Nationalparks Austria 2026).]

Ein Netzwerk junger Forscher

In den letzten Jahren ist in Österreich eine Bewegung entstanden, die Schule und Forschung auf neue Weise verbindet. Citizen Science nennt sich das – Forschung mit Bürgerbeteiligung. Besonders erfolgreich läuft das in Schulen, wo Kinder und Jugendliche zu echten Forschern werden (OeAD 2017).

Das Projekt „Natur vor der Haustür“ war eines der ersten seiner Art. Von 2015 bis 2017 untersuchten Schülerinnen und Schüler in Wien und Niederösterreich die Biodiversität in Gärten und Parks direkt neben ihren Schulen (OeAD 2017). Mit einfachen Methoden erfassten sie Igel, Tagfalter, Vögel und eben auch Wildbienen. Die Daten flossen in eine wissenschaftliche Studie, die erstmals den Zusammenhang zwischen Gartenbewirtschaftung und Artenvielfalt im Siedlungsraum dokumentierte.

Das Besondere an diesem Projekt: Die Schüler waren nicht nur Datensammler, sie gestalteten das Forschungsdesign aktiv mit. „Grundprinzipien waren einerseits, Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler das Projektdesign in jeder Phase mitgestalten zu lassen, und anderseits, das Design auf längerfristige Aktivitäten der Schule, idealerweise ein langjähriges Monitoring, auszulegen“ (OeAD 2017).

[Wusstest du? Im Rahmen des Projekts wurden erstmals österreichweit Verbreitungsdaten des Igels gesammelt – mit einfachen Igeltunneln, die Kinder in ihren Gärten aufstellten. Das Prinzip funktioniert auch für Wildbienen.]

PolliDiversity – Forschen für den Insektenschutz

Noch einen Schritt weiter geht das Projekt „PolliDiversity“ an der HBLFA Raumberg-Gumpenstein. Hier erforschen Schülerinnen und Schüler mit digitalen Tools, welche Bestäuber welche Blüten bevorzugen (Citizen Science Austria 2025). Die jungen Forscher legen eigene Blühflächen an, beobachten Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge und dokumentieren ihre Ergebnisse mit standardisierten Protokollen.

Die Forschungsfrage ist klar: Welche Bestäuber, insbesondere Bienen, bevorzugen die vier ausgewählten Pflanzenarten – Wiesenklee, Kornblume, Klatschmohn und Leindotter – als Futterquelle? Und wie groß ist der Anteil an beobachteten Honigbienen im Vergleich zu Wildbienen? (HBLFA Raumberg-Gumpenstein 2021).

Die Schüler werden nicht allein gelassen. Sie erhalten digitale Materialien, Bestimmungsschlüssel und sogar einen einführenden Workshop per Zoom. Die Standortanalyse lernen sie ebenso wie die korrekte Datenerfassung. Wer mitmacht, bekommt Saatgut für etwa vier Quadratmeter Fläche – genug, um im eigenen Garten oder in Töpfen auf dem Balkon die Versuchsfläche anzulegen (HBLFA Raumberg-Gumpenstein 2021).

Begleitet wird das Projekt von einer biologiedidaktischen Studie der Paris Lodron Universität Salzburg. Die Forscher untersuchen, wie sich Wohlbefinden, Emotionen, Umweltbewusstsein, ökologisches Verständnis, Artenkenntnis und Naturverbundenheit der Jugendlichen durch die Teilnahme verändern (Citizen Science Austria 2025). Erste Ergebnisse zeigen: Das Interesse an der Natur steigt, die Artenkenntnis nimmt zu, und viele Schüler entwickeln eine neue Wertschätzung für die kleinen Krabbeltiere.

BiodiverCITY – Bienen in der Großstadt

Auch in Wien wird geforscht. Im Projekt „BiodiverCITY-Island Hopping“ verwandeln Schülerinnen und Schüler aus fünf Wiener Schulen Brachflächen in sogenannte „Biodiversitäts-Inseln“ (Pädagogische Hochschule Wien 2025). Baumscheiben, ungenutzte Ecken und kleine Grünstreifen werden mit insektenfreundlichen Pflanzen bestückt und zu „Tankstellen“ für Wildbienen umfunktioniert.

Gemeinsam mit Expertinnen und Experten der Universität Wien und des Naturhistorischen Museums führen die Schüler ein Insekten-Monitoring durch. Sie dokumentieren, welche Arten die neu geschaffenen Flächen besiedeln, und lernen dabei wissenschaftliche Arbeitsweisen kennen. Die Daten fließen direkt in die Forschung ein – und helfen zu verstehen, wie Wildbienen in der dicht verbauten Stadt überleben können (Pädagogische Hochschule Wien 2025).

Die Nachhaltigkeit des Projekts ist durch die Verankerung in der Lehrkräfteausbildung an der Universität Wien gesichert. Die entwickelten Unterrichtsmaterialien stehen allen Schulen zur Verfügung. Und an den neu geschaffenen Biodiversitäts-Inseln informieren Tafeln über die Bedeutung der Artenvielfalt und geben Tipps, wie jeder im eigenen Grätzel etwas zum Insektenschutz beitragen kann.

Vom Gymnasium in die Forschung

Besonders aktiv ist das Gymnasium St. Veit in Kärnten. Die ÖKOLOG-Schule hat ein eigenes Wildbienen-Monitoring aufgebaut (MeinBezirk 2022). Im Wahlpflichtfach Biologie bauen die Schüler Nisthilfen für Wildbienen und bringen sie in Gärten, auf Terrassen oder Balkonen ihrer Wohnorte an. In regelmäßigen Abständen wird überprüft, ob die Nisthilfen von Wildbienen angenommen werden.

Die Standorte werden auf einer Google Earth-Karte eingetragen. Die Schüler diskutieren: Warum werden manche Nisthilfen angenommen, andere nicht? Welche Umweltfaktoren spielen eine Rolle? Die gesammelten Daten werden ausgewertet und mit den Ergebnissen anderer Schulen verglichen.

ÖKOLOG-Koordinator Manfred Zniva erklärt das Konzept: „Das Einbinden von Schülern in die Planung von Ökolog-Aktivitäten ist meiner Meinung nach ein ganz wesentlicher Faktor für das Gelingen solcher Projekte“ (MeinBezirk 2022). Und er plant schon weiter: eine naturnahe Gestaltung des Außenbereichs, ein Repair-Café, eine Second-Hand-Kleiderbörse. Die Themen gehen nicht aus.

Wilde Nationalparkbienen

Während die Schüler in den Städten forschen, dokumentieren Wissenschaftler in den Nationalparks die „Profis“. Das Projekt „Wilde Nationalparkbienen“ untersuchte 2025 erstmals systematisch die Wildbienenfauna in allen sechs österreichischen Nationalparks (Nationalparks Austria 2026). Die Ergebnisse sind beeindruckend: Insgesamt 301 Wildbienenarten wurden nachgewiesen – viele davon selten und hoch spezialisiert.

Im Nationalpark Neusiedler See–Seewinkel entdeckten die Forscher die Salz-Buntbiene und ihre Kuckucksbiene, die Salzsteppen-Kurzhornbiene – Arten, die an Salzböden und trocken-heißes Klima angepasst sind. Im Nationalpark Thayatal gelang der Nachweis der Gehörnten Steinbiene, der nordwestlichste bislang bekannte Fundort in Österreich (Nationalparks Austria 2026). Und im Nationalpark Kalkalpen wurden gleich zwei Arten neu für Oberösterreich entdeckt: die Einhorn-Stängelbiene und die Pyrenäen-Blattschneiderbiene.

Diese Entdeckungen zeigen: Die Nationalparks sind nicht nur Rückzugsräume für große Tiere wie Luchs und Adler, sondern auch für die Kleinsten. Und sie liefern die Vergleichsdaten, die die Schüler in ihren Projekten brauchen: Was ist selten, was häufig? Welche Arten sind auf bestimmte Lebensräume angewiesen? Die Kombination von professioneller Forschung und Citizen Science macht das Gesamtbild erst vollständig.

Was die Schüler lernen

Die Effekte der Projekte sind vielfältig untersucht. Eine Studie im Rahmen von PolliDiversity zeigte, dass die teilnehmenden Schüler nicht nur ihre Artenkenntnis verbessern, sondern auch eine stärkere Naturverbundenheit entwickeln (Citizen Science Austria 2025). Das Umweltbewusstsein steigt, das ökologische Verständnis wächst. Viele Jugendliche engagieren sich nach den Projekten weiter – in Umweltgruppen, im Naturschutz, in der Schule.

Für die Wissenschaft sind die Daten der Schüler Gold wert. Hunderte von Beobachtungen, die sonst nie gemacht würden, fließen in die Forschung ein. Die Verbreitungskarten werden dichter, die Erkenntnisse über Lebensräume genauer. Die Schüler lernen nicht nur, sie helfen auch.

Und die Wildbienen? Sie profitieren am meisten. Je mehr Menschen ihre Lebensweise verstehen, desto eher sind sie bereit, sie zu schützen. Je mehr Nisthilfen gebaut und Blühflächen angelegt werden, desto mehr Lebensraum entsteht. Ein Netzwerk junger Forscher, das sich über ganz Österreich spannt – für die kleinen Summser, die es dringend brauchen.


Quellen:

Citizen Science Austria (2025): Young Citizen Science PolliDiversity. Plattform Österreich forscht. Verfügbar unter: https://www.citizen-science.at/projekte/young-citizen-science-pollidiversity

HBLFA Raumberg-Gumpenstein (2021): ClimSchool: Citizen Science Projekt „PolliDiversity“. Verfügbar unter: https://raumberg-gumpenstein.at/schule/schule-aktuelles/citizen-science-zum-ersten-mal-an-der-hblfa-raumberg-gumpenstein-mit-dem-projekt-pollidiversity.html

MeinBezirk (2022): ÖKOLOG-Schulen engagieren sich für Umwelt. Verfügbar unter: https://www.meinbezirk.at/st-veit/c-lokales/oekolog-schulen-engagieren-sich-fuer-umwelt_a5302114

Nationalparks Austria (2026): Projekt „Wilde Nationalparkbienen“. Verfügbar unter: https://www.nationalparksaustria.at/de/news-detail-aktuelles/projekt-wilde-nationalparkbienen.html

OeAD (2017): Natur vor der Haustür – Citizen Science macht Schule. Verfügbar unter: https://oead.at/de/studieren-forschen-lehren/citizen-science/sparkling-science/projekte/ueberblick/detail/natur-vor-der-haustuer-citizen-science-macht-schule

Pädagogische Hochschule Wien (2025): Biodiversitätsinseln für Insekten in der Stadt schaffen, erforschen und zum handlungsorientierten Lernen nutzen. Verfügbar unter: https://phwien.ac.at/aktuelles/biodiversitatsinseln-fur-insekten-in-der-stadt-schaffen-erforschen-und-zum-handlungsorientierten-lernen-nutzen/

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