Indigene Frauen werden Parlamentsabgeordnete in Bolivien [Bolivien]
Die Frau, deren Bild heute durch alle bolivianischen Medien geht, sitzt in einer Gefängniszelle im Frauengefängnis Obrajes in La Paz. Ihre Hände, die einst Gesetze mitgestalteten, umklammern jetzt die Gitterstäbe. Lidia Patty Mullisaca, 56 Jahre alt, Angehörige des indigenen Kallawaya-Volkes, ehemalige Abgeordnete und eine der mächtigsten Frauen im Movimiento al Socialismo (MAS), ist nicht mehr die Jägerin, sondern die Gejagte. Bis vor wenigen Monaten war sie die Anklägerin, die die ehemalige Präsidentin Jeanine Áñez und den Oppositionsführer Luis Fernando Camacho hinter Gitter brachte. Heute sitzt sie selbst in Untersuchungshaft – angeklagt wegen Korruption im Umfang von über einer Million Bolivianos (ca. 140.000 Euro) (Infobae 2025).
Ihr Aufstieg und Fall erzählt nicht nur eine persönliche Geschichte. Er erzählt von den Hoffnungen und Abgründen der indigenen Bewegung Boliviens, von jahrhundertelanger Unterdrückung und den Fallstricken der Macht.
[Wusstest du? Bolivien ist das Land mit dem höchsten indigenen Bevölkerungsanteil in Südamerika. Etwa 62 Prozent der Einwohner zählen sich zu den 36 indigenen Völkern, vor allem Aymara und Quechua. Dennoch waren sie jahrhundertelang von der politischen Macht ausgeschlossen.]
Vom Dienstmädchen zur Abgeordneten
Lidia Pattys Lebensweg ist eine Geschichte des Aufstiegs gegen alle Widerstände. Geboren in Charazani, einer kleinen Gemeinde im Hochland, wuchs sie in einer Region auf, in der es keine weiterführenden Schulen gab. Mit 19 Jahren zog sie nach La Paz und arbeitete als Dienstmädchen – eine der wenigen Möglichkeiten für indigene Frauen aus der Provinz, überhaupt zu überleben (El Deber 2025).
Erst später konnte sie in ihre Heimat zurückkehren und dank eines speziellen Programms für indigene Führungskräfte ihren Schulabschluss nachholen. Sie lernte lesen und schreiben – auch auf Quechua – und arbeitete als Lehrerin. „In den Provinzen gab es keine Bildung“, erinnerte sie sich später. „Der Kampf war, dass wir keine Herren mehr über uns haben wollten.“ (El Deber 2025)
Ihr politischer Aufstieg begann in den Basisorganisationen. Von 1994 bis 1999 war sie Führungskraft in ihrer Provinz, 1999 kandidierte sie erstmals für den Stadtrat. Über Umwege kam sie schließlich 2014 als stellvertretende Abgeordnete ins Parlament – und rückte 2018 nach, als ihr Vorgänger Minister wurde (El Deber 2025).
[Wusstest du? Lidia Patty gehört zum Volk der Kallawaya, einer indigenen Gruppe, die für ihr traditionelles medizinisches Wissen und ihre Heilkunst bekannt ist. Die Kallawaya-Wanderheiler sind von der UNESCO als Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit anerkannt.]
Die Anklägerin wird zur Angeklagten
Pattys Stern stieg weiter, als sie nach der politischen Krise von 2019 zur zentralen Figur der sogenannten „Golpe I“-Ermittlungen wurde. Sie war es, die die Anzeige gegen Jeanine Áñez und Luis Fernando Camacho einbrachte – mit der Begründung, diese hätten einen „Staatstreich“ gegen Evo Morales inszeniert. Die Folge: Áñez und Camacho saßen jahrelang in Untersuchungshaft (Infobae 2025).
Doch im Dezember 2025 wendete sich das Blatt. Die bolivianische Justiz erließ Haftbefehl gegen Patty. Der Vorwurf: Als Abgeordnete soll sie zwischen 2009 und 2011 Gelder des Fondo Indígena (Fonds für indigene Entwicklung) in betrügerischer Weise auf eigene Konten umgeleitet haben. Insgesamt geht es um acht Projekte in acht indigenen Gemeinden – unter anderem den Anbau von Tomaten und Gemüse sowie die Produktion von Honig (El Deber 2025).
Die Fakten sind erschütternd: In einem Fall sollen 700.000 Bolivianos (ca. 95.000 Euro) direkt auf Pattys Privatkonto geflossen sein. Ein weiteres Projekt zur Honigproduktion erhielt 650.000 Bolivianos (ca. 88.000 Euro) – 92 Prozent der Gesamtsumme –, wurde aber nie umgesetzt (ATB Digital 2025). Insgesamt beläuft sich der mutmaßliche Schaden auf über eine Million Bolivianos (ca. 136.000 Euro).
Am 5. Dezember 2025 wurde Patty verhaftet, als sie sich freiwillig der Polizei stellte. Einen Tag später ordnete ein Richter vier Monate Untersuchungshaft an (Infobae 2025).
Ein Skandal mit Geschichte
Der Fondo Indígena, der hier im Zentrum steht, ist einer der größten Korruptionsskandale der bolivianischen Geschichte. Zwischen 2009 und 2014 flossen umgerechnet fast 460 Millionen Dollar in den Fonds, der eigentlich Entwicklungsprojekte in indigenen Gemeinden fördern sollte. Stattdessen wurden „Geisterprojekte“ finanziert, Gelder zweckentfremdet und in die Taschen von Funktionären geleitet (Infobae 2025).
Das System war so perfide, dass selbst der damalige Wirtschaftsminister und heutige Präsident Luis Arce im Vorstand des Fonds saß. Zahlreiche Untersuchungen verliefen im Sande, Verantwortliche wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Der Fondo Indígena wurde zum Symbol für die Korruption in den Reihen der MAS-Partei (Infobae 2025).
Reaktionen und politische Dimension
Die Verhaftung Pattys spaltet Bolivien. Für die einen ist sie der lang überfällige Beweis, dass auch die Mächtigen zur Rechenschaft gezogen werden können. Für andere ist sie ein politischer Racheakt.
Evo Morales selbst meldete sich auf X (ehemals Twitter) zu Wort: „Diese neue Ungerechtigkeit gegen die bescheidene Frau und die Schwächsten trägt eine enorme Haltung des Rassismus in sich und versucht, eine indigene Frau einzuschüchtern, die den Mut hatte, diejenigen anzuzeigen, die die Demokratie und die Wirtschaft in Bolivien zerstört haben.“ (Infobae 2025)
Patty selbst beteuert ihre Unschuld. „Ich werde mich verteidigen, ja, ich werde mich verteidigen, wie es sich gehört“, sagte sie nach ihrer Festnahme. „Ich bin nicht aus dem Land geflohen. Ich bin ein Opfer des Fondo Indígena.“ (El Deber 2025)
Was bleibt
Die Geschichte von Lidia Patty ist mehr als nur ein Kriminalfall. Sie ist eine Parabel über die Widersprüche der indigenen Bewegung in Bolivien. Einerseits hat sie tatsächlich Menschen wie Patty den Aufstieg ermöglicht – vom Dienstmädchen zur Abgeordneten, von der Analphabetin zur Anklägerin der Mächtigen. Andererseits hat sie auch Strukturen der Korruption und Straflosigkeit geschaffen, die nun diejenigen verschlingen, die sie einst getragen haben.
Patty sitzt heute im Gefängnis. Ihr Prozess wird zeigen, ob die Anschuldigungen haltbar sind. Aber egal wie er ausgeht: Ihr Leben ist ein Beweis dafür, dass indigene Frauen in Bolivien heute eine Macht darstellen, die noch vor einer Generation undenkbar war. Und dass Macht immer auch die Möglichkeit des Missbrauchs birgt – unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.
Quellen:
Agencias de Noticias Fides (2025): Emiten orden de aprehensión contra Lidia Patty por irregularidades en proyectos del Fondo Indígena. 03.12.2025. Verfügbar unter: https://www.noticiasfides.com/justicia/emiten-orden-de-aprehension-contra-lidia-patty-por-irregularidades-en-proyectos-del-fondo-indigena
El Deber (2025): Lidia Patty, de líder indígena y acusadora del „Golpe I“ a investigada por un desfalco millonario. 04.12.2025. Verfügbar unter: https://eldeber.com.bo/pais/lidia-patty-lider-indigena-acusadora-golpe-i-investigada-desfalco-millonario_1764849574
Infobae (2025): Prisión preventiva para la aliada de Evo Morales que logró la encarcelación de sus opositores en Bolivia. 08.12.2025. Verfügbar unter: https://www.infobae.com/america/america-latina/2025/12/08/prision-preventiva-para-la-aliada-de-evo-morales-que-logro-la-encarcelacion-de-sus-opositores-en-bolivia/
ATB Digital (2025): Nueva denuncia complica la situación jurídica de Lidia Patty. 06.12.2025. Verfügbar unter: https://www.atb.com.bo/2025/12/06/nueva-denuncia-complica-la-situacion-juridica-de-lidia-patty/
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