„Wir können ganze Generationen prägen“: Wie Heba Al-Farra Frauen im Nahen Osten zu Führungskräften der grünen Wirtschaft macht
Es ist ein Bild, das sich tief eingegraben hat in die Erinnerung der jungen Palästinenserin: die zweite Intifada, der Krieg, die Nächte ohne Strom. Während draußen die Welt brannte, saß Heba Al-Farra mit ihren Freundinnen im Gazastreifen und sprach über die Dinge, die ihnen wirklich wichtig waren – Campingausflüge, Strandsäuberungen, Recyclingprojekte, die sie an der Universität organisiert hatten. „Wir erkannten mehr denn je unsere Leidenschaft für die Umwelt und unsere Umgebung“, erinnert sie sich. Und sie erkannten etwas anderes: Während Männer sich noch frei bewegen konnten, waren Frauen eingeschlossen, besonders abends. Aus dieser doppelten Erfahrung von Ohnmacht und Leidenschaft wuchs eine Überzeugung: „Wir wollten etwas verändern: einen Unterschied in der Welt bewirken – und sowohl unsere Umwelt als auch unser Leben als Frauen verbessern.“ (UNEP 2019)
Heba Al-Farra, geboren in Libyen als Tochter einer palästinensischen Ärztin, wuchs im Gazastreifen auf – einem Ort, an dem sauberes Wasser und verlässlicher Strom keine Selbstverständlichkeit sind (Wikipedia 2022). Vielleicht war es diese Kindheit, die sie früh lehrte, dass Umweltschutz und Frauenrechte keine getrennten Themen sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Sie studierte Umweltingenieurwesen an der Universität Gaza, schloss 2012 ab – und zog dann nach Kuwait, eine Entscheidung, die ihr schwerfiel, bedeutete sie doch, Familie und Freundinnen für Jahre nicht wiederzusehen (UNEP 2019; Wikipedia 2022).
Doch sie machte weiter. Sie wurde LEED Green Associate, eine vom US Green Building Council vergebene Auszeichnung für Fachwissen im umweltfreundlichen Bauen. Sie absolvierte ein Zertifikatsprogramm in Organisationsmanagement an der Florida State University. Und sie begann bei Enertech, einem Trainings- und Beratungsunternehmen in Kuwait, als Umwelt-Trainings- und Entwicklungsspezialistin zu arbeiten (UNEP 2018; Wikipedia 2022).
Wusstest du?
Studien zeigen, dass Frauen und Mädchen über 16, wenn sie ein Einkommen erzielen, 90 Prozent davon in ihre Familien reinvestieren – verglichen mit 30 bis 40 Prozent bei Männern. Gleichzeitig dauert es bei jungen Frauen im Schnitt länger, nach der Ausbildung ihre erste Stelle zu finden. Genau hier setzt Heba Al-Farra an (UNEP 2019).
Ein Netzwerk für die grüne Führung von morgen
2018 gründete Al-Farra die Organisation Women in Energy and Environment (WEE) . Eine mitgliedergetriebene Initiative, die Frauen im Nahen Osten und Nordafrika unterstützt – in ihren aktuellen Rollen, aber vor allem auch dabei, neue zu übernehmen. WEE ist mehr als ein Netzwerk: Es ist eine Gemeinschaft, die Diversität, Innovation und Kreativität lebt. Das Ziel: Die Rolle der Frauen in der grünen Industrie voranzubringen und die positiven ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen weiblicher Führung sichtbar zu machen (UNEP 2018).
„Ich kann an einer Hand abzählen, wie viele Ingenieurinnen es in Gaza gibt“, sagt Al-Farra. „Ingenieurinnen müssen auf Baustellen gehen und mit Männern verhandeln – das ist für viele keine erstrebenswerte Perspektive. Diejenigen, die es werden, landen meist hinter Schreibtischen oder Computern, erledigen Routinearbeiten. Sie sind keine Führungskräfte“ (UNEP 2019).
Genau das will WEE ändern. Die Organisation vermittelt technische Fähigkeiten und Mentoring, um Frauen zu befähigen, sinnstiftende Arbeit im Energiesektor zu finden. Es geht um nichts Geringeres als darum, unsere Abhängigkeit von Energie zu verändern – weg von der Belastung, hin zur Befreiung. „Wir müssen lernen, Lösungen zu nutzen, um nachhaltig Wasser, Strom und Brennstoff für unsere Familien bereitzustellen. Wir haben eine große Rolle zu spielen. Wir sind Mütter, wir können ganze Generationen prägen, indem wir unsere Frauen unterrichten“ (UNEP 2019).
Wusstest du?
Im Energiesektor der MENA-Region beträgt der Anteil von Gründerinnen nur etwa 11 Prozent – verglichen mit 20 Prozent in allen anderen Branchen (außer Konsumgüter). Und während der globale Anteil von Frauen in der erneuerbaren Energiewirtschaft bei 32 Prozent liegt, sind es in der MENA-Region nur 7–9 Prozent (IDRC 2025).
Eine Stimme, die gehört wird
Noch im Gründungsjahr 2018 erhielt Heba Al-Farra eine der bedeutendsten Auszeichnungen für junge Umweltaktivistinnen: Sie wurde von den Vereinten Nationen als „Young Champion of the Earth“ für Westasien ausgezeichnet – ein Preis, der jährlich an sieben vielversprechende Umweltschützer unter 30 Jahren vergeben wird (UNEP 2018; Wikipedia 2022).
Seither ist sie gefragte Rednerin und Beraterin. Im Mai 2025 sprach sie an der American University of Kuwait über die Integration der Nachhaltigkeitsziele in akademische Lehrpläne. Ihre Botschaft an die Hochschullehrenden: „Universitäten sind Treiber gesellschaftlicher Transformation.“ Sie zeigte auf, wie man Kurse neu gestalten kann – mit realen Herausforderungen aus der Nachhaltigkeitspraxis, mit fachübergreifenden Modulen und mit dem klaren Ziel, Studierende zu verantwortungsvollen globalen Bürgern zu machen (AUK 2025).
Ihr Appell: „Jetzt handeln.“ Mit Sensibilisierungskampagnen, Pilotkursen zu Nachhaltigkeit, grünen Campus-Audits – bevor es zu spät ist (AUK 2025).
Was bleibt
Heba Al-Farra hat früh gelernt, Hindernisse in Chancen zu verwandeln. Ihre Mutter, eine Ärztin, die in einer Zeit im Ausland studierte, als es für Frauen nicht als richtig galt, das Land zu verlassen, war ihr Vorbild. „Sie lehrte mich, dass Hindernisse dich nicht davon abhalten sollten, deinen Traum zu leben“ (UNEP 2019).
Heute denkt Al-Farra darüber nach, wie sie selbst ein besseres Vorbild für andere Frauen sein kann. Ihr Weg führte sie aus Gaza nach Kuwait – eine schwierige Entscheidung, die bedeutete, Freunde und Familie zurückzulassen, manche für immer. „Manchmal denke ich, ich werde sie nicht wiedersehen. In Gaza gibt es oft keinen Strom, kein Wasser, keine Abschlussfeiern. Ich habe viele Freunde und Familie durch den Krieg verloren“ (UNEP 2019).
Doch genau diese Herausforderungen machen sie stärker. „Jetzt will ich anderen Frauen im Nahen Osten und Nordafrika helfen, sich zu engagieren und ein starkes Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, damit wir diese Situation umkehren können. Gemeinsam können wir Geschlechtergleichgewicht auf allen Ebenen der Industrie im Energiesektor erreichen. Wir können die Fähigkeiten von Frauen ausbauen und diejenigen mit unterschiedlichem und kreativem Hintergrund stärken, um positive ökologische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen voranzutreiben“ (UNEP 2019).
Quellen:
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AUK – American University of Kuwait. 2025. „AUK Champions Sustainability Education with Heba Al-Farra‘s SDG Integration Talk“. [online] Verfügbar unter: https://www.auk.edu.kw/media-hub/news/auk-champions-sustainability-education-with-heba-al-farra-s-sdg-integration-talk [Zugriff am 16. März 2026].
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IDRC – International Development Research Centre. 2025. „Fostering an inclusive energy transition through micro, small and medium-sized enterprises“. [online] Verfügbar unter: https://idrc-crdi.ca/es/node/139819 [Zugriff am 16. März 2026].
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UNEP – United Nations Environment Programme. 2018. „Young Champion of the Earth, winner for West Asia“. [online] Verfügbar unter: https://www.unep.org/youngchampions/ru/node/307 [Zugriff am 16. März 2026].
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UNEP – United Nations Environment Programme. 2019. „Young Champion of the Earth, winner for West Asia – Personal Story“. [online] Verfügbar unter: https://www.unep.org/pt-br/node/23429 [Zugriff am 16. März 2026].
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Wikipedia. 2022. „Heba Al-Farra“. [online] Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/?curid=70704686 [Zugriff am 16. März 2026].
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