Kultur & Kreatives

Drei Stunden Tanzfläche, dann nach Hause: Wie zwei Mütter aus Wuppertal den Club neu erfunden haben

(Wuppertal/Deutschland) Es war kein Pitch, kein Businessplan, keine Marktlückenanalyse. Es war ein Abend unter Freundinnen, an dem zwei Mütter feststellten, dass sie das Tanzen vermissten – und dass es keine einzige Party gab, die zu ihrem Leben passte. Was sie dann taten, überraschte sie selbst am meisten.

Andrea von den Bergen stillte damals noch. Ihre Kleine schlief abends zuverlässig um 20 Uhr. Bis Mitternacht warten, bis ein Club aufmacht – undenkbar. Anna-Maria Schumacher kannte das Gefühl. Zusammen hatten die beiden Wuppertalerinnen im Herbst 2022 fünf kleine Kinder und eine gemeinsame Erkenntnis: Die Clubkultur ist nicht für sie gebaut. Sie beginnt, wenn Mütter schon längst schlafen müssten.

Also bauten sie sich ihre eigene.

Start um 20 Uhr. Ende um 23 Uhr. Tanzfläche sofort voll.

Im Januar 2023 fand die erste Party statt – drei Stunden, danach nach Hause. Kein Warm-up, kein Dresscode, keine High Heels, kein schlechtes Gewissen. DJ-Musik von den 80ern bis zu aktuellen Charts, ein Raum ausschließlich für Frauen, und eine Tanzfläche, die laut den Gründerinnen von der ersten Minute an voll war. Etwas, das in normalen Clubs oft eine Stunde braucht.

Geplant war eigentlich: ein- bis zweimal im Jahr, lokal, in Wuppertal. Was dann passierte, war keiner von beiden vorher klar.


Wusstest du? Die erste Party in Berlin war ausverkauft, bevor sie überhaupt stattfand. Events in München, Frankfurt, Rosenheim und vielen weiteren Städten folgten demselben Muster: Tickets weg, noch bevor lokale Medien berichteten.


Lizenzsystem statt Großbüro

Das Konzept verbreitete sich nicht durch Werbung, sondern durch Mundpropaganda und Social Media. Andere Mütter aus anderen Städten meldeten sich: Kann ich das bei uns machen? Andrea von den Bergen und Anna-Maria Schumacher entwickelten dafür ein Lizenzsystem – kein klassisches Franchise, sondern eine persönliche Vereinbarung: Lokale Organisatorinnen, fast immer selbst Mütter, nehmen Kontakt zu den Gründerinnen auf, schauen ob die Chemie stimmt, und veranstalten die Partys dann eigenständig in ihrer Stadt (MAMAGEHTTANZEN 2024).

Heute organisieren über 30 Mütter die Partyreihe in den größten Städten Deutschlands sowie in Österreich und der Schweiz. Darüber hinaus gibt es erste Pilotprojekte in den Niederlanden – dort unter dem Namen Mama gaat dansen. Die internationale Expansion ist dynamisch; der Schwerpunkt liegt weiterhin im deutschsprachigen Raum und in den Niederlanden.

Das Wachstum des Social-Media-Auftritts verlief rasant: Während der Hauptkanal Anfang 2024 noch im zweistelligen Tausenderbereich lag, ist die Community durch die starke Ausbreitung seitdem deutlich gewachsen – ohne ein einziges klassisches Werbebudget.

Drei Stunden, die etwas verändern

Was MAMAGEHTTANZEN von einem normalen Club-Event unterscheidet, ist schwer in Zahlen zu fassen. «Wir lieben es, Mama zu sein – aber wir lieben es auch, Anna und Andrea zu sein», sagen die Gründerinnen. Dieser Satz ist kein Marketingslogan, sondern der eigentliche Kern des Projekts.

Es geht nicht darum, die Mutterschaft kurz zu vergessen. Es geht darum, sich selbst nicht zu verlieren. Drei Stunden tanzen – und dann frühstückt man mit den Kindern, aber mit einem anderen Gefühl in sich. Der bewusst als Safe Space konzipierte Frauenraum schafft dabei eine Atmosphäre, die viele Besucherinnen als ungewohnt befreiend beschreiben: keine Blicke, kein Bewertungsdruck, bequeme Schuhe völlig in Ordnung (MAMAGEHTTANZEN 2024).


Wusstest du? Laut Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung leisten Frauen in Deutschland im Durchschnitt täglich rund 52 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Die strukturelle Unsichtbarkeit dieser Arbeit zeigt sich auch darin, wie wenig der öffentliche Freizeitraum – von Clubs bis Kulturveranstaltungen – auf die Realität von Müttern zugeschnitten ist.


Die Idee hinter MAMAGEHTTANZEN ist deswegen so erfolgreich, weil sie kein Problem erfindet, das es nicht gibt. Sie benennt ein echtes Strukturproblem – und löst es auf die denkbar unkomplizierteste Weise: mit einer Party, die um 23 Uhr endet.

Wer eine Party in seiner Stadt organisieren möchte oder einfach das nächste Event finden will: mamagehttanzen.de


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Quellen

MAMAGEHTTANZEN 2024. „Über uns – MAMAGEHTTANZEN“. [online] Verfügbar unter: https://www.mamagehttanzen.de/

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung 2023. „Sorgearbeit in Deutschland – Geschlechtsspezifische Unterschiede“. [online] Verfügbar unter: https://www.diw.de/

Watson.de 2023. „Mama geht tanzen: Die Party-Idee zweier Mütter, die ganz Deutschland bewegt“. [online] Verfügbar unter: https://www.watson.de/

WDR 2024. „MAMAGEHTTANZEN – Wenn Mütter die Clubkultur umschreiben“. [online] Verfügbar unter: https://www.wdr.de/