Soziales

Der Schlüssel zuerst: Wie Housing First Obdachlosigkeit von hinten aufrollt

(Berlin und Hamburg/Deutschland) Jahrzehntelang lautete die unausgesprochene Regel der Wohnungslosenhilfe: Wer eine Wohnung will, muss sie sich erst verdienen – durch Therapie, Abstinenz, Arbeit. Housing First dreht diese Logik komplett um. Und es funktioniert.

Stell dir vor, du bekommst einen Schlüssel. Keinen Platz im Schlafsaal, keine Notunterkunft mit Regeln und Sperrstunden – einen echten Schlüssel, für eine echte Wohnung, mit deinem Namen im Mietvertrag. Das ist der Kern von Housing First: Wohnraum nicht als Belohnung am Ende eines langen Weges, sondern als Ausgangspunkt.

Die Idee klingt radikal. Ist sie eigentlich nicht.

Wer auf der Straße schläft, hat keine Kraft für Bürokratie

Das alte Modell der Wohnungslosenhilfe folgt einem Stufenprinzip: Erst Notunterkunft, dann betreutes Wohnen, dann – wenn alles gut läuft – eine eigene Wohnung. Was dabei übersehen wird: Wer jede Nacht um das nackte Überleben kämpft, hat keine mentale Kapazität für Therapiegespräche, Bewerbungsunterlagen oder Ämtergänge. Die Voraussetzungen, die man erfüllen soll, um Hilfe zu bekommen, sind genau das, was man ohne Hilfe nicht erfüllen kann.

Housing First bricht mit diesem Kreislauf. Eine wohnungslose Person bekommt sofort eine reguläre Wohnung mit eigenem Mietvertrag – ohne Vorbedingungen. Kein Abstinenznachweis, keine abgeschlossene Therapie, kein Nachweis über regelmäßiges Einkommen. Im Hintergrund steht ein mobiles Team aus Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen und Pflegekräften – aber als freiwilliges Angebot. Die Mieter*innen entscheiden selbst, welche Unterstützung sie annehmen (Housing First Berlin 2024).


Wusstest du? Das Housing-First-Modell wurde in den 1990er-Jahren in New York vom Psychiater Sam Tsemberis entwickelt. Sein Ausgangspunkt: Obdachlose Menschen wollen dasselbe wie alle anderen – ein sicheres Zuhause. Nicht erst nach bestandener Prüfung.


Was die Zahlen sagen

Zwischen 80 und 90 Prozent der vermittelten Personen halten ihre Wohnung dauerhaft. Sie kommen im Viertel an, pflegen Nachbarschaftskontakte, fangen nach Jahren wieder an, Pläne zu schmieden. Gleichzeitig entlastet das Modell Notunterkünfte und Gesundheitssystem – weil Menschen in stabilen Verhältnissen seltener in akute Krisen geraten (passage gGmbH Hamburg 2024).

In Berlin und Hamburg haben die Initiativen – getragen unter anderem von der Berliner Stadtmission, der Neuen Chance gGmbH und der passage gGmbH – inzwischen feste Kontingente mit kommunalen Wohnungsgesellschaften aufgebaut. In Hamburg kooperiert das Projekt etwa mit der SAGA, in Berlin mit degewo und HOWOGE. Das Modell ist damit kein Nischenprojekt mehr, sondern Teil der regulären städtischen Wohnungslosenhilfe.

Die Finanzierung läuft über Senatsverwaltungen, bezirkliche Mittel und Stiftungsgelder – ohne direkte Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Großsponsoren.


Wusstest du? Obdachlosigkeit kostet Staat und Gesellschaft mehr, als Housing First kostet. Studien aus Finnland – dem europäischen Vorreiterland – zeigen, dass die Einsparungen durch weniger Krankenhausaufenthalte, Polizeieinsätze und Notunterkünfte die Programmkosten oft übersteigen.


Was jede*r tun kann

Das Modell braucht vor allem eines: Wohnraum. Wer selbst vermietet oder jemanden kennt, der es tut, kann gezielt Wohnungen an die Initiativen melden – die Projekte fungieren als verlässliche Ansprechpartner für Vermieter*innen und übernehmen oft die Koordination. Wer nicht vermietet, kann mit Geld- oder Sachspenden unterstützen – besonders gefragt sind Möbel und Hausrat für den Erstbezug. Und wer weder das eine noch das andere hat: Weitersagen zählt. Denn viele Vorbehalte gegen Housing First lösen sich auf, sobald man erklärt, wie es wirklich funktioniert.

Mehr Informationen gibt es unter housingfirstberlin.de und bei der passage gGmbH Hamburg.


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Quellen

Housing First Berlin 2024. „Housing First Berlin – Wohnen als Grundrecht“. [online] Verfügbar unter: https://housingfirstberlin.de/

passage gGmbH Hamburg 2024. „Hamburg sucht ein Zuhause – Housing First“. [online] Verfügbar unter: https://www.passage-hamburg.de/

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe 2024. „Housing First in Deutschland“. [online] Verfügbar unter: https://www.bagw.de/

Y-Foundation Finnland 2023. „A Home of Your Own – Housing First in Finland“. [online] Verfügbar unter: https://ysaatio.fi/en/