Bildung

Mit wohnungslosentreffen.org werden Wohnungslose Experten ihrer eigenen Situation

(Deutschland) – In einem kleinen Raum der Urania Berlin drängen sich Menschen um einen Informationsstand. Sie alle verbindet eine Erfahrung, die Millionen Deutsche teilen, über die aber meist nur andere sprechen: Wohnungslosigkeit. Hier jedoch haben die Betroffenen selbst das Wort. Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen (SwM e.V.) zeigt, wie aus jahrzehntelanger Fremdbestimmung echte Mitsprache entstehen kann.

Nadine Boddart kannte beide Seiten dieser Realität. Die 1987 in Viersen geborene Mutter zweier Söne lebte nach Angaben der Organisation zunächst in Mönchengladbach, später in Bergneustadt mit ihren Kindern Leonardo und Lukas. 2023 kam sie zur Selbstvertretung – und wurde zu einer wichtigen Stimme für die Rechte wohnungsloser Menschen. Im Februar 2026 verstarb sie im Alter von nur 38 Jahren. Ihr Engagement steht exemplarisch für einen Wandel, der die deutsche Wohnungslosenhilfe grundlegend verändert.

Wusstest du? In Deutschland leben nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe über 600.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Lange Zeit sprachen hauptsächlich Sozialarbeiter, Politiker und Wissenschaftler über ihre Situation – die Betroffenen selbst blieben stumm.

Von der Betreuung zur Selbstbestimmung

Die Wende begann mit einer einfachen Erkenntnis: Niemand kennt die Probleme wohnungsloser Menschen besser als sie selbst. Was in anderen Bereichen längst selbstverständlich ist – dass Betroffene zu Experten ihrer eigenen Situation werden –, musste in der Wohnungslosenhilfe erst erkämpft werden. Die Selbstvertretung durchbricht das traditionelle Muster, bei dem über Menschen geredet wird, anstatt mit ihnen.

Das zeigt sich besonders deutlich bei den jährlichen Wohnungslosentreffen. Ende Juli 2025 trafen sich Betroffene in Herzogsägmühle in Oberbayern zu einem fünftägigen Programm. Von Montag bis Freitag diskutierten sie über Lösungsansätze, tauschten Erfahrungen aus und entwickelten gemeinsam Strategien für bessere Lebensbedingungen. Nicht Sozialarbeiter setzten die Themen – die Teilnehmenden selbst bestimmten, worüber gesprochen wurde.

Diese Form der Partizipation wirkt auch auf politischer Ebene. Bei der Bundestagung der BAG Wohnungslosenhilfe 2025 in Berlin war die Selbstvertretung mit einem eigenen Informationsstand vertreten. Unter dem Motto „Gemeinsam für Menschenwürde – Solidarität – Wohnung – Rechtsanspruch“ brachten sie ihre Perspektiven direkt in die fachpolitische Debatte ein.

Selbstvertretung verändert die Hilfelandschaft

Die Präsenz der Selbstvertretung bei Fachtagungen markiert einen Paradigmenwechsel. Jahrzehntelang diskutierten Experten aus Wissenschaft, Politik und Sozialarbeit über die „Zielgruppe“ wohnungsloser Menschen. Heute sitzen die ehemaligen Objekte der Hilfe mit am Verhandlungstisch und formulieren ihre Bedürfnisse selbst.

Das verändert auch die Qualität der Lösungsansätze. Wer selbst erlebt hat, wie es sich anfühlt, keinen Rückzugsort zu haben, entwickelt andere Prioritäten als jemand, der das Problem nur aus der Fachliteratur kennt. Die Selbstvertretung bringt diese Erfahrungskompetenz systematisch in die Diskussion ein und sorgt dafür, dass Hilfeangebote tatsächlich ankommen.

Wusstest du? Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen organisiert sich bundesweit in lokalen Gruppen. Sie setzen sich für einen Rechtsanspruch auf Wohnen ein und kämpfen gegen die Diskriminierung von Menschen ohne festen Wohnsitz.

Ein Netzwerk entsteht

Was in Herzogsägmühle und anderen Orten geschieht, ist mehr als nur Selbsthilfe. Es entsteht ein bundesweites Netzwerk von Menschen, die ihre Situation nicht länger hinnehmen wollen. Sie organisieren sich, bilden sich weiter und werden zu politischen Akteuren. Aus der Position der Hilfsbedürftigkeit erwächst so eine neue Form des gesellschaftlichen Engagements.

Die Dokumentation der verschiedenen Programmtage zeigt die Professionalität dieser Arbeit. Systematisch werden Erfahrungen gesammelt, ausgewertet und weitergetragen. Das schafft eine Wissensbasis, die in der traditionellen Sozialarbeit oft fehlt: authentische Einblicke in die Lebenswirklichkeit der Betroffenen.

Besonders bemerkenswert ist die Kontinuität des Engagements. Trotz oft schwieriger persönlicher Umstände arbeiten die Mitglieder der Selbstvertretung über Jahre hinweg an der Verbesserung der Situation für alle Wohnungslosen. Sie beweisen damit, dass gesellschaftliche Teilhabe auch für Menschen möglich ist, die das System längst abgeschrieben hatte.

Die Geschichte von Nadine Boddart und der Selbstvertretung zeigt: Wer anderen eine Stimme geben will, muss zuerst bereit sein, zuzuhören. In einer Gesellschaft, die oft über die Köpfe der Betroffenen hinweg entscheidet, schaffen diese Menschen Räume echter Partizipation. Ihr Beispiel könnte wegweisend werden – nicht nur für die Wohnungslosenhilfe, sondern für alle Bereiche, in denen Menschen Unterstützung brauchen.

Die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen braucht Aufmerksamkeit und Unterstützung für ihre wichtige Arbeit. Jeder kann helfen: durch Spenden, ehrenamtliches Engagement oder einfach dadurch, dass er die Stimmen der Betroffenen ernst nimmt und weiterträgt.

Quellen:

wohnungslosentreffen.org 2026. [online] Verfügbar unter: https://wohnungslosentreffen.org/

wohnungslosentreffen.org 2026. [online] Verfügbar unter: https://wohnungslosentreffen.org/2026/03/nachruf-auf-nadine-boddart/

wohnungslosentreffen.org 2026. [online] Verfügbar unter: https://wohnungslosentreffen.org/2025/11/bag-wohnungslosenhilfe-bundestagung-2025-in-berlin-mit-der-selbstvertretung/

wohnungslosentreffen.org 2026. [online] Verfügbar unter: https://wohnungslosentreffen.org/2025/08/programm-rueckblick-wohnungslosentreffen-herzogsaegmuehle-2025/

wohnungslosentreffen.org 2026. [online] Verfügbar unter: https://wohnungslosentreffen.org/2025/08/das-war-der-freitag-beim-wohnungslosentreffen-herzogsaegmuehle-2025/

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