Bildung

Geburtsaufklärung via Social Media: Wie Hebamme Lara John mit Tic Toc Videos die Angst vor der Geburt nimmt

(Düsseldorf/Deutschland) – Es ist 22:30 Uhr, die Nachtschicht auf der Wochenbettstation läuft gerade an. Lara John tippt schnell eine Antwort auf eine Instagram-Nachricht: „Ist es normal, dass mein Baby so oft trinken will?“ Während um sie herum Neugeborene schreien und erschöpfte Mütter Fragen haben, beantwortet die Pflegekraft parallel hunderte ähnlicher Nachrichten von werdenden und frischgebackenen Eltern. Was aussieht wie Doppelbelastung, ist in Wahrheit ihre Mission: Ängste nehmen, bevor sie im Krankenhaus eskalieren.

Mit über 180.000 Followern auf Instagram und TikTok ist Lara John zu einer der bekanntesten „Health-Influencerinnen“ Deutschlands geworden. Ihre Videos über Geburtspositionen, Wochenbett-Mythen und den Klinikalltag erreichen Millionen Menschen – und revolutionieren die Art, wie werdende Eltern sich auf die Geburt vorbereiten.

Vom Kreißsaal ins Smartphone

„Ich merkte immer häufiger, dass Frauen mit völlig unrealistischen Ängsten zu uns kommen“, erklärt John ihre Motivation. „Durch Dr. Google hatten sie sich in Panik hineingesteigert.“ Also begann sie 2021, kurze Aufklärungsvideos zu drehen – zunächst nur für Freunde, dann für eine wachsende Community.

Ihre Inhalte sind das Gegenteil von Sensationsmache: sachlich, einfühlsam, evidenzbasiert. In einem viral gegangenen Video zeigt sie, wie eine PDA wirklich gesetzt wird – ohne Drama, aber auch ohne Beschönigung. „Viele hatten Horrorvorstellungen davon. Dabei ist es ein Routine-Eingriff“, sagt sie.

Wusstest du? Studien zeigen, dass Geburtsangst bei etwa 14% aller Schwangeren auftritt. Durch bessere Aufklärung lassen sich nachweislich sowohl die Angst als auch Komplikationen während der Geburt reduzieren (Nilsson et al. 2018).

Der Erfolg gibt ihr recht: Comments wie „Dank deiner Videos konnte ich entspannt gebären“ häufen sich. Sogar der WDR wurde aufmerksam und porträtierte John in der Lokalzeit als Pionierin digitaler Gesundheitsaufklärung.

Wenn das Smartphone zur Hebamme wird

Johns Ansatz füllt eine Lücke im Gesundheitssystem. Während klassische Geburtsvorbereitungskurse oft ausgebucht oder für manche Zielgruppen schwer zugänglich sind, erreicht sie Menschen dort, wo sie ohnehin sind: auf Social Media. Besonders junge Frauen und solche mit Migrationshintergrund profitieren von der niedrigschwelligen Aufklärung.

„Ich übersetze praktisch Medizin-Deutsch ins Normale“, erklärt sie ihre Methode. Ihre Videos sind bewusst kurz gehalten, nutzen einfache Sprache und räumen mit weitverbreiteten Mythen auf. Etwa dem Irrglauben, dass Kaiserschnitt-Mütter „weniger geschafft“ hätten als Frauen mit Spontangeburt.

Wusstest du? In Deutschland kommen etwa 30% aller Babys per Kaiserschnitt zur Welt. International liegt die WHO-Empfehlung bei 10-15%, was zeigt, wie kontrovers das Thema diskutiert wird (Statistisches Bundesamt 2024).

Doch Johns Arbeit wirft auch kritische Fragen auf. Kann Social Media-Aufklärung den persönlichen Kontakt zur Hebamme ersetzen? Und verschleiert der Fokus auf individuelle Lösungen nicht strukturelle Probleme wie den Hebammenmangel?

Digitale Geburtshilfe als Notlösung?

„Natürlich kann Instagram keine Eins-zu-eins-Betreuung ersetzen“, räumt John ein. „Aber wenn durch meine Aufklärung eine Frau weniger Angst hat und besser vorbereitet ist, entlaste ich auch meine Kolleginnen.“ Tatsächlich berichten Krankenhäuser, dass gut informierte Patientinnen oft entspannter sind und seltener in Panik geraten.

Kritiker warnen jedoch vor einer Zwei-Klassen-Versorgung: Während privilegierte Frauen sowohl digitale als auch analoge Unterstützung nutzen können, sind andere auf Social Media angewiesen – mangels verfügbarer Hebammen oder Kurse.

John sieht sich dennoch auf dem richtigen Weg. „Wissen ist Macht“, sagt sie. „Und je mehr Frauen über ihren Körper und die Geburt wissen, desto selbstbestimmter können sie Entscheidungen treffen.“ Ihre Vision: Eine Generation von Müttern, die informiert und ohne unbegründete Ängste in die Geburt gehen.

In einer Zeit, in der Health-Influencer oft umstritten sind, zeigt Lara John, wie seriöse Fachkräfte Social Media nutzen können – als Brücke zwischen medizinischer Expertise und dem Bedürfnis der Menschen nach verständlicher Information.

Quellen:

Nilsson, C., Hessman, E., Sjöblom, H., et al. 2018. „Definitions, measurements and prevalence of fear of childbirth: a systematic review.“ BMC Pregnancy and Childbirth. [online] Verfügbar unter: https://bmcpregnancychildbirth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12884-018-1659-7

Statistisches Bundesamt 2024. „Geburten in Deutschland.“ [online] Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/_inhalt.html

WHO 2015. „WHO Statement on Caesarean Section Rates.“ [online] Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/WHO-RHR-15.02

Bundesgesundheitsministerium 2023. „Hebammenversorgung in Deutschland – Aktuelle Situation und Maßnahmen.“ [online] Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/hebammen.html

Rouhe, H., Salmela‐Aro, K., Halmesmäki, E., and Saisto, T. 2009. „Fear of childbirth according to parity, gestational age, and obstetric history.“ BJOG: An International Journal of Obstetrics & Gynaecology, 116(1), pp.67-73.

Zielinski, R., Ackerson, K. and Low, L.K. 2015. „Planned home birth: benefits, risks, and opportunities.“ International Journal of Women’s Health, 7, pp.361-377.

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