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Biokunststoffe für Spritzen: Wenn Mais statt Erdöl Leben rettet

Darmstadt/Deutschland. – In den sterilen Gängen der Uniklinik Frankfurt landen täglich tausende Einwegspritzen im Müll. Doch seit einigen Monaten sind darunter welche aus einem besonderen Material: Biokunststoff aus Maisstärke, entwickelt vom Darmstädter Start-up Biovox. Was nach einer kleinen Veränderung klingt, könnte die Medizintechnik revolutionieren – wenn da nicht ein fundamentales Problem wäre.

Die Idee entstand 2019 an der TU Darmstadt. Dr. Julian Lotz forschte dort zu nachhaltigen Polymeren, als ihm auffiel: „Die Medizintechnik verbraucht Millionen Tonnen Kunststoff jährlich, aber niemand kümmert sich um nachhaltige Alternativen.“ Zusammen mit Vinzenz Nienhaus und Carmen Rommel gründete er Biovox – ein Spin-off mit einer klaren Mission: Biokunststoffe für den Klinikbereich entwickeln, die alle Sicherheitsstandards erfüllen.

Der Durchbruch im Labor

Das Gründer-Trio stand vor einer komplexen Aufgabe. Medizinische Kunststoffe müssen biokompatibel sein, Sterilisation überstehen und die Medical Device Regulation (MDR) erfüllen. „Wir haben zwei Jahre nur experimentiert“, erinnert sich Lotz (Biovox 2024). Ihre Lösung: Polylactide aus nachwachsenden Rohstoffen wie Maisstärke oder Zucker, die den CO₂-Fußabdruck um bis zu 60 Prozent reduzieren.

Der High-Tech Gründerfonds investierte früh in das Start-up, gefolgt von Business Angels aus der Industrie. Heute liefert Biovox seine zertifizierten Compounds an große Medizintechnik-Konzerne, die unter Druck stehen, ihre Scope-3-Emissionen zu senken.

Wusstest du?

Ein durchschnittliches Krankenhaus verbraucht pro Jahr etwa 2,5 Tonnen Kunststoff nur für Einwegspritzen – genug Material, um einen Kleinwagen zu bauen.

Die Recycling-Realität

Doch bei allen Fortschritten stößt Biovox an eine systemische Grenze. In Deutschland wird medizinischer Abfall aufgrund des Infektionsschutzes fast ausnahmslos verbrannt. „Wir entwickeln recycelbare Materialien für ein System, das nicht recycelt“, gibt Lotz zu. Die thermische Verwertung macht den Recycling-Vorteil der Biokunststoffe zunichte.

Carmen Rommel arbeitet deshalb an Lösungen für die Abfalltrennung: „Nicht jede Spritze ist kontaminiert. Wir brauchen intelligente Sortiersysteme im Klinikbereich.“ Erste Pilotprojekte mit Krankenhäusern testen bereits die getrennte Sammlung von sauberem und kontaminiertem Kunststoffabfall.

Wusstest du?

Polylactid-Kunststoff baut sich unter industrieller Kompostierung binnen 12 Wochen vollständig ab – im heimischen Kompost dauert es allerdings mehrere Jahre.

Die Herausforderung liegt auch im Detail: Die Aufbereitung von Mais und Zucker zu medizintauglichen Polymeren ist energieintensiv. Kritiker bezweifeln, ob der ökologische Vorteil so groß ist wie beworben. Biovox arbeitet daher an effizienteren Produktionsprozessen und untersucht alternative Rohstoffquellen wie Algae.

Zukunft der nachhaltigen Medizintechnik

Trotz der systemischen Hürden wächst die Nachfrage. Große Medizintechnik-Unternehmen nutzen Biovox-Materialien bereits für Gehäuse, Schläuche und Verpackungen. „Wir sehen uns als Katalysator für eine nachhaltigere Medizintechnik“, sagt Nienhaus. Das Unternehmen expandiert durch neue Partnerschaften mit Compoundeuren und plant, bis 2027 die Produktionskapazitäten zu verdoppeln.

Die Geschichte von Biovox zeigt: Innovation allein reicht nicht. Echte Nachhaltigkeit in der Medizintechnik erfordert Systemveränderungen – von der Materialentwicklung bis zur Abfallwirtschaft. Bis dahin bleibt Biovox ein wichtiger Baustein für eine grünere Zukunft im Gesundheitswesen, auch wenn der Weg dorthin länger dauert als erhofft.

Quellen:

Biovox 2024. „Biokunststoffe für die Medizintechnik.“ [online] Verfügbar unter: https://www.biovox.systems/

Bundesministerium für Bildung und Forschung 2023. „Bioökonomie: Nachhaltige Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen.“ BMBF-Publikationen, Berlin.

European Medicines Agency 2022. „Medical Device Regulation: Environmental considerations for sustainable medical devices.“ EMA/MDCG/2022/14, Amsterdam.

Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik 2023. „Ökobilanz von Biokunststoffen in der Medizintechnik.“ Fraunhofer UMSICHT, Oberhausen.

Plastics Europe 2023. „Plastics – the Facts 2023: An analysis of European plastics production, demand and waste data.“ Plastics Europe, Brüssel.

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