Nachhaltigkeit & Umwelt

Aus Bananenschale wird Gartenerde: Wie eine illegale Parkstunde eine Geschäftsidee wurde

Wien und Andorf/Österreich.  David Witzeneder grub seinen Biomüll illegal im Wiener Stadtpark ein. Er hatte keine Biotonne, keine Alternative – und zu viel Gewissen für die Restmülltonne. Was er dabei entdeckte, wurde zum Unternehmen: Seit 2015 produziert die Wormsystems GmbH Wurmkisten für Stadtwohnungen. Die Vision dahinter ist so schlicht wie radikal – Würmer in jede Küche.

Der Agrarwissenschaftler aus Oberösterreich war gerade nach Wien gezogen, als das Problem auftauchte. Kein Garten, kein Kompost, keine Biotonne im Altbau. Was macht man mit Kaffeesatz, Gemüseschalen, Obstabfällen? Witzeneder löste es zunächst auf seine eigene Art – und stieß dabei auf die Wurmkompostierung. Was als persönlicher Umweg begann, wurde zur Geschäftsidee. Seit 2015 fertigt sein Unternehmen Wurmkisten aus regionalem Holz, händisch, gemeinsam mit integrativen Betrieben in Andorf, Oberösterreich (Wurmkiste.at 2024).

Das unsichtbare Klimaproblem in der Küche

Biomüll ist unterschätzter als man denkt. In deutschen Restmülltonnen macht Bioabfall mit 39 Prozent einen größeren Anteil aus als Restmüll selbst, der nur zu 32 Prozent enthalten ist. Jedes Jahr werden in Deutschland rund 5,2 Millionen Tonnen Biomüll über die Restmülltonne entsorgt – und landen in Verbrennungsanlagen. In Wien landen laut offiziellen Berichten der MA 48 jährlich zwischen 80.000 und 100.000 Tonnen biogene Abfälle im Restmüll, statt getrennt kompostiert zu werden (MA 48 2023).

Die Wurmkiste setzt genau hier an. Auch wer in einer Stadtwohnung ohne Biotonne lebt, kann Küchenabfälle geruchlos und unkompliziert kompostieren. Heraus kommen zwei Produkte, die auf Balkon und im Beet bares Geld sparen: Wurmhumus und Wurmtee.


Wusstest du? In Wien nutzen schätzungsweise 3.000 bis 4.000 Haushalte aktiv eine Wurmkiste – und wandeln damit gemeinsam rund 300.000 bis 400.000 Kilogramm Biomüll pro Jahr in wertvollen Humus um, statt ihn in der Restmülltonne zu entsorgen.


Die unscheinbaren Helden

In einer Wurmkiste leben nicht irgendwelche Würmer. Das Wurm-Mix besteht aus drei Arten – Eisenia fetida, Eisenia andrei und Eisenia hortensis – allesamt im europäischen Raum heimisch. Dazu kommen Mikroorganismen, Enchyträen, Bakterien und Mikropilze, die den Kompostierungsprozess unterstützen und beschleunigen.

Das organische Material wandert durch den Verdauungstrakt der Würmer: verdaut, zermahlen, pH-neutralisiert, mit Mikroorganismen angereichert. Was herauskommt, ist tiefschwarze, nach Wald riechende Erde – ein Biodünger, der optimal auf Pflanzenbedürfnisse abgestimmt ist. Untersuchungen zeigen, dass Wurmkompost die Unterdrückung von Pflanzenkrankheiten fördert: Bei Tomaten, Paprika und Kohl ging die Anzahl an Blattläusen und anderen Schädlingen mit der Anwendung messbar zurück (Wurmkiste.at 2024).

Eine Wurmkiste schenkt pro Jahr etwa zehn Kilogramm Humus – kompakt, nährstoffreich, biologisch zertifiziert. Wer drei Wochen in den Urlaub fährt, muss sich keine Sorgen machen: Erfahrene Nutzer berichten, dass die Würmer längere Pausen gut überstehen, am besten kühl und im Dunkeln.

Vom Einzelhaushalt zum Nachbarschaftsprojekt

Wurmkiste.at denkt nicht nur an den Einzelhaushalt. Das sogenannte WurmHotel verarbeitet täglich Biomüll von bis zu 15 Haushalten – und steht bereits in Wiener Wohnhausanlagen, Betrieben und Gemeinschaftsgärten. Es schließt den Kreislauf nicht nur ökologisch, sondern auch sozial: Nachbarn, die sich gemeinsam um eine Wurmkiste kümmern, reden miteinander.


Wusstest du? Der optimale Temperaturbereich für Kompostwürmer liegt zwischen 15 und 25 Grad Celsius, bei einem Feuchtigkeitsgehalt von 60 bis 85 Prozent. Innerhalb dieser Parameter arbeitet das System zuverlässig, geruchsarm – und überraschend selbstständig.


Was Wurmkiste.at von vielen Nachhaltigkeitsprojekten unterscheidet, ist die Konsequenz in der Lieferkette. Die Holzkisten werden händisch in Oberösterreich produziert, gemeinsam mit integrativen Betrieben. Wer eine Wurmkiste kauft, unterstützt also nicht nur den eigenen Balkon, sondern eine regional verwurzelte, sozial durchdachte Produktion.

Wer anfangen möchte: unter wurmkiste.at gibt es Starter-Sets inklusive Wurmpopulation und Anleitung.

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Quellen

Wurmkiste.at 2024. „Über uns – Wormsystems GmbH“. [online] Verfügbar unter: https://www.wurmkiste.at/ueber-uns/

MA 48 – Wiener Umweltschutz 2023. „Abfallbilanz Wien – Bioabfälle“. [online] Verfügbar unter: https://www.wien.gv.at/umwelt/ma48/

Umweltbundesamt Deutschland 2023. „Bioabfälle in Deutschland – Mengen und Entsorgungswege“. [online] Verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/

Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. 2023. „Wurmkompost – Qualität und Wirkung“. [online] Verfügbar unter: https://www.kompost.de/