Flusspferd-Schutz durch Gemeindepartnerschaften in Malawi [Malawi]

Die Fischer des Dorfes Nthole entlang des Shire-Flusses in Malawi kennen die Gefahr. Sie kommt aus dem Wasser, oft nachts, lautlos und schnell. Ein Flusspferd, das seinen Nachwuchs schützt, kann ein Boot in Sekunden zum Kentern bringen. 2023 starben sieben Menschen bei einem solchen Angriff nahe der Phokera-Anlegestelle, 13 überlebten, 17 wurden nie gefunden (AfricaBrief 2023). Für die Überlebenden ist der Fluss nicht nur Lebensader, sondern auch Todeszone. Doch seit einigen Jahren arbeiten die Behörden mit den Dorfgemeinschaften zusammen – nicht gegen die Tiere, sondern mit ihnen.

*[Wusstest du? Flusspferde gehören zu den gefährlichsten Tieren Afrikas. Sie sind extrem territorial, können bis zu 3.000 Kilogramm wiegen und an Land bis zu 30 Stundenkilometer schnell werden. Jährlich sterben in Afrika schätzungsweise 500 Menschen durch Flusspferd-Angriffe.]*

Wenn der Fluss zur Todeszone wird

Brighton Kumchedwa, Direktor der malawischen Nationalparkbehörde, steht vor einem Dilemma. Nach dem Bootsunglück von 2023 forderten Abgeordnete die Umsiedlung der Flusspferde. Doch Kumchedwa wusste: Das ist fast unmöglich. „Diese wasserlebenden Tiere müssen im Wasser sediert werden. Die Folge wäre, dass die immobilisierten Tiere ertrinken und nie wieder aufwachen“ (AfricaBrief 2023). Eine Umsiedlung würde die Tiere mit hoher Wahrscheinlichkeit töten.

Die Lösung konnte nicht sein, die Tiere zu entfernen. Also musste ein Weg gefunden werden, mit ihnen zu leben. Schon im Jahr 2000 hatte ein Bericht des malawischen Wildlife Departments festgestellt: Es braucht einen Mechanismus, „dass die Dorfbewohner die Krokodile und Flusspferde um sich herum als Gewinn und nicht als Belastung sehen“ (Kalowekamo 2000).

*[Wusstest du? Im Lower Shire-Gebiet leben schätzungsweise 1.500 bis 2.000 Flusspferde – eine der größten Populationen des Landes. Jedes Tier frisst pro Nacht etwa 40 Kilogramm Gras, das es an Land sucht. Dabei zerstören sie oft Felder und fordern ihren Tribut von den Bauern.]*

Ein neuer Ansatz: Gemeinden werden zu Partnern

Seit 2015 betreibt die Organisation African Parks im Liwonde-Nationalpark, der ebenfalls am Shire-Fluss liegt, ein Modellprojekt, das heute als Vorbild für ganz Malawi gilt. Als African Parks die Verwaltung des Parks übernahm, war die Lage katastrophal. Die Zäune waren kaputt, Elefanten zerstörten Felder, Menschen drangen täglich illegal in den Park ein, um zu fischen und zu jagen. In den ersten sieben Wochen wurden sieben Menschen von wilden Tieren getötet (Allen 2023).

Die Lösung war radikal: Ein 142 Kilometer langer Elektrzaun wurde um den gesamten Park errichtet, in nur 18 Monaten. Flugzeuge trieben Elefanten zurück in den Park, tägliche Bootspatrouillen verhinderten illegale Einfahrten von Fischern, die oft von Krokodilen angegriffen wurden (Allen 2023). Das Ergebnis: Die Konflikte gingen dramatisch zurück. Die Flusspferde im Fluss blieben, aber die Fischer lernten, wo sie sicher fahren können.

Mit Chili und Zäunen gegen die Wildnis

Seit Juni 2025 läuft ein neues, von Deutschland finanziertes Projekt entlang der gesamten malawisch-sambischen Grenze. Das „Human-Wildlife Co-habitation Project“ wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) über die KfW finanziert und von der Weltnaturschutzunion (IUCN) umgesetzt (Rising Nepal 2025). Es zielt genau auf die Gebiete, in denen Flusspferde, Elefanten und Menschen um Platz kämpfen.

Die Methoden sind einfach, aber effektiv: Solarzäune halten Tiere von Feldern fern, Chilischoten werden zu natürlichen Repellents verarbeitet, und die Gemeinschaften organisieren sich in gemeinsamen Wachsystemen (Rising Nepal 2025). Parallel werden klimaangepasste Nutzpflanzen angebaut, die für Wildtiere weniger attraktiv sind.

Brighton Kumchedwa fasst die neue Philosophie zusammen: „Wir denken nicht nur an die Wildtiere. Wir denken an die Menschen – ihre Nahrung, ihre Sicherheit, ihr Einkommen. So sollte Naturschutz funktionieren“ (Rising Nepal 2025).

Eine Witwe erzählt

Pasipawo Manda ist 47 Jahre alt, Witwe und Mutter von sechs Kindern. Sie lebt in Chauma im Kasungu-Distrikt. Eines Nachts vor zwei Jahren wachte sie vom Lärm der Elefanten auf, die durch ihre Mais- und Erdnussfelder stampften. „Ich hatte nichts mehr“, erinnert sie sich. „Wir lebten wochenlang von wildem Gemüse und Maiskleie von Nachbarn.“ In derselben Nacht brachen die Elefanten sogar in ihr Haus ein, in dem sie mit drei Kindern schlief. „Wir rannten um unser Leben“ (Rising Nepal 2025).

Heute hofft Pasipawo auf das neue Projekt. „Ich will einfach in Frieden auf meinem Feld arbeiten können. Wenn dieses Projekt uns das geben kann, wird es unser Leben verändern“ (Rising Nepal 2025).

Ihre Geschichte steht für Tausende. Zwischen 2019 und 2022 registrierte das Vwaza Marsh Wildlife Reserve in Malawi durchschnittlich 888 Vorfälle pro Jahr, in Sambia waren es 489 (Rising Nepal 2025). Die Spannbreite reicht von Elefanten, die Felder zertrampeln, über Büffel, die Menschen verletzen, bis zu Flusspferden, die Fischerboote zum Kentern bringen.

Wenn die Gesetze versagen

Frank Phiri von der Organisation Kasungu Warm Heart, die Opfer von Tierangriffen unterstützt, übt scharfe Kritik: „Wenn wir Entschädigung fordern, hilft niemand. Für die Behörden scheinen die Tiere wichtiger zu sein als die Menschen“ (Rising Nepal 2025). Malawi hat bis heute kein formelles Entschädigungssystem für Opfer von Wildtierangriffen.

Eine Gruppe von Betroffenen hat deshalb Klage gegen den International Fund for Animal Welfare (IFAW) eingereicht, nachdem umgesiedelte Elefanten Menschen töteten (Rising Nepal 2025). Die Klage zeigt die Verzweiflung der Menschen, aber auch, dass sie sich nicht länger mit der Situation abfinden wollen.

Ein Modell für Afrika

Trotz aller Schwierigkeiten: Die Partnerschaften mit den Gemeinden zeigen Wirkung. In Liwonde wurden durch African Parks-Programme 2021 über 12.000 Dollar aus überschüssigen Ernteerträgen erwirtschaftet – für Verhältnisse, in denen ein Landarbeiter weniger als 100 Dollar im Monat verdient, eine beachtliche Summe (Allen 2023). In den Schulen um den Park stieg die Lesefähigkeit der Kinder mit Hilfe von African Parks von sechs auf sechzig Prozent (Allen 2023).

Lawrence Munro, Operationsmanager in Liwonde, bilanziert: „Illegale Aktivitäten sind dramatisch zurückgegangen, seit die Gemeinden von den legalen Möglichkeiten profitieren, die ein gut verwalteter Park bietet“ (Allen 2023).

Wenn das neue Projekt erfolgreich ist, könnte es zum Modell für das südliche Afrika werden. Es zeigt: Koexistenz, nicht Konflikt, ist der Schlüssel zum Schutz von Mensch und Natur. Für Pasipawo Manda und die Fischer am Shire-Fluss wäre das die Rettung.


Quellen:

AfricaBrief (2023): Director says relocating hippos is complicated and risky. Verfügbar unter: https://africabrief.substack.com/p/director-says-relocating-hippos-is

Allen, D. (2023): National park in Malawi sets benchmark for reducing human-animal conflict. Journal of African Elephants. Verfügbar unter: https://www.africanelephantjournal.com/national-park-in-malawi-southern-africa-sets-benchmark-for-reducing-human-animal-conflict-and-restoring-habitat-for-wildlife-and-safari-tourism-grows/

Kalowekamo, F. (2000): Crocodile and Hippopotamus Management in the Lower Shire. BiodiversityLinks. Verfügbar unter: https://www.biodiversitylinks.org/library/resources/rmp/library/content/frame/doc18lowershire.doc/view

Rising Nepal (2025): Coexistence, Not Conflict – German-funded project along Malawi-Zambia border. Verfügbar unter: https://risingnepaldaily.com/news/72346

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