Flüsse bekommen Rechte in Bangladesch [Bangladesch]

Der Turag, ein Fluss, der am Rande der Hauptstadt Dhaka vorbeifließt, war einst voller Leben. Heute ist er eine stinkende Kloake. Illegale Bebauung säumt seine Ufer, Fabriken leiten ungehindert Giftstoffe ein, der Fluss erstickt an Müll und Abwasser. 2016 klagte eine Menschenrechtsorganisation vor Gericht – und erreichte etwas, das weltweit Schlagzeilen machte: Der Oberste Gerichtshof von Bangladesch erklärte alle Flüsse des Landes zu „lebenden Wesen“ mit denselben Rechten wie Menschen (RAV 2021).

[Wusstest du? Bangladesch hat etwa 400 Flüsse. Sie sind das Rückgrat des Landes – für Transport, Fischerei, Landwirtschaft und das tägliche Leben von Millionen Menschen. Doch viele von ihnen sind todkrank.]

Der Fall, der Geschichte schrieb

Im Jahr 2016 reichte die Organisation „Human Rights and Peace for Bangladesh“ eine Klage ein. Ihr Ziel: den Turag vor der völligen Zerstörung zu retten. Drei Jahre später, am 30. Januar 2019, verkündete Richter M. Ashraful Kamal das Urteil. Es war umfassend, mutig und in seiner Art einzigartig (New Age BD 2026).

Das Gericht erklärte nicht nur den Turag, sondern alle Flüsse Bangladeschs zu „juristischen Personen“. Sie haben nun denselben Rechtsstatus wie ein Mensch – mit allen Rechten, Pflichten und dem Anspruch auf Schutz. Als Vormund setzte das Gericht die National River Conservation Commission (NRCC) ein, die im Namen der Flüsse handeln und sie vor Schaden bewahren soll (RAV 2021).

Das Urteil enthielt 17 verbindliche Richtlinien: Illegale Bauten müssen abgerissen werden, Verschmutzer dürfen nicht mehr wählen, erhalten keine Bankkredite mehr. Ein Satelliten-gestütztes Überwachungssystem sollte die Flüsse kontrollieren, und das Thema Flussschutz wurde Teil des Schulunterrichts (East Asia Forum 2025).

Ein internationaler Trend

Bangladesch war nicht das erste Land, das der Natur Rechte zusprach. In Neuseeland war 2014 der Whanganui-Fluss als erstes Gewässer weltweit zur juristischen Person erklärt worden – eine Anerkennung der Maori-Weltanschauung, dass der Fluss ein Vorfahre ist (RAV 2021). 2017 folgte ein indisches Gericht für Ganges und Yamuna, hob das Urteil aber später wieder auf. Auch in Kolumbien, Ecuador und Bolivien gibt es ähnliche Entwicklungen.

Doch Bangladesch ging weiter: Es war das erste Land, das allen seinen Flüssen diesen Status verlieh – nicht nur einem einzelnen Gewässer (D+C 2020).

Die Mühen der Ebene

So bahnbrechend das Urteil war, so ernüchternd ist die Realität. Die NRCC, eingesetzt als Vormund der Flüsse, hat kaum Durchsetzungsmacht. Sie kann Verstöße melden, aber nicht ahnden. Die eigentliche Macht liegt bei 35 verschiedenen Behörden, die unter 13 Ministerien arbeiten – oft mit widersprüchlichen Zielen. Das Verkehrsministerium will schiffbare Kanäle, das Landministerium will Ufergrundstücke verpachten, das Umweltministerium soll schützen (East Asia Forum 2025).

Die NRCC erstellte eine Liste mit über 46.000 illegalen Bauten an Flussufern. Doch die Liste wurde nie veröffentlicht. Die Behörde zog sich zurück, verwies auf rechtliche Unklarheiten. Die damalige Umweltberaterin Syeda Rizwana Hasan kritisierte, die Kommission habe „offenbar die Partei der Landräuber ergriffen“ (East Asia Forum 2025).

Jahre nach dem Urteil fließen weiterhin ungeklärte Abwässer in den Turag, ragen illegale Fabriken in sein Bett, ersticken die Flüsse an Müll. Das Urteil blieb ein schöner Satz auf Papier – ohne Wirkung im Wasser.

Ein Hoffnungsschimmer?

Die Regierung arbeitet angeblich an einer Reform des Flussschutzgesetzes. Die NRCC soll mehr Befugnisse bekommen. Doch bis dahin sind die Flüsse auf den guten Willen der Politik angewiesen – und auf den Druck einer Zivilgesellschaft, die nicht aufgibt.

Richter Kamal selbst sagte bei einer Veranstaltung 2026: „Das Urteil war erst der Anfang. Jetzt müssen wir es mit Leben füllen.“ (New Age BD 2026) Ob das gelingt, entscheidet sich nicht in Gerichtssälen, sondern an den Ufern des Turag, des Buriganga, des Padma – dort, wo die Flüsse um ihr Überleben kämpfen.


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Quellen:

D+C (2020): Justiz springt im Umweltschutz zu kurz. 16.11.2020. Verfügbar unter: https://www.dandc.eu/de/article/weshalb-ein-oekologisch-wichtiger-richterspruch-bangladesch-international-nicht-nachgeahmt

East Asia Forum (2025): Bangladeshi rivers‘ legal personhood meaningless without enforcement. 16.08.2025. Verfügbar unter: https://eastasiaforum.org/2025/08/16/bangladeshi-rivers-legal-personhood-meaningless-without-enforcement/

New Age BD (2026): Rivers as ‚living entities‘ still left in the lurch. 22.02.2026. Verfügbar unter: https://www.newagebd.net/article/85359/articlelist/323/Cartoon

RAV (2021): Natur als Kläger? – Rechtspersönlichkeit von Flüssen in Bangladesch. Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein, Infobrief 122/2021. Verfügbar unter: https://www.rav.de/publikationen/rav-infobriefe/infobrief-122-2021/natur-als-klaeger

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