Schülerinnen erkämpfen Schuluniform-Abschaffung in Japan [Japan]

Für Chise Iida war die Mittelstufe eine einzige Qual. Ihr Rock musste exakt knielang sein – kein Zentimeter kürzer. Falten war streng verboten. Ihre Haare? Schwarz, immer schwarz. Dass ihre natürliche Haarfarbe eigentlich braun war, interessierte niemanden. Mehrmals im Jahr wurde sie von Lehrern ermahnt, ihre „falsche“ Haarfarbe zu korrigieren. „Es war erstickend“, sagt sie heute (VICE 2022). Ihre Erfahrung teilt sie mit Millionen japanischer Schüler. Doch in den letzten Jahren hat sich etwas Grundlegendes verändert: Schüler haben begonnen, sich zu wehren – und gewinnen.

[Wusstest du? Die strengen Schulregeln in Japan werden „buraku kosoku“ genannt. Sie entstanden in den 1970er und 1980er Jahren, um Gewalt und Mobbing an Schulen einzudämmen. Doch selbst nachdem die Gewalt zurückging, blieben die Regeln – bis heute.]

Der Fall, der alles veränderte

2017 geschah etwas in Japan, das landesweit für Aufsehen sorgte. Eine 18-jährige Schülerin aus der Präfektur Osaka verklagte ihre Schule. Sie hatte naturbraunes Haar, doch die Schule verlangte von ihr, es schwarz zu färben – jedes Mal, wenn der Ansatz nachwuchs. Als sie sich weigerte, entfernten die Lehrer ihren Tisch aus dem Klassenzimmer und strichen ihren Namen von der Anwesenheitsliste (The Guardian 2022).

Nach jahrelangem Rechtsstreit entschied das Gericht: Die Schule musste der Schülerin umgerechnet 2.150 Euro Schadensersatz zahlen. Zwar bestätigte das Gericht das Recht der Schule, Kleiderordnungen zu erlassen – aber die Art der Durchsetzung war unverhältnismäßig (CNN 2022).

Der Fall löste eine landesweite Debatte aus. Immer mehr Schüler und Eltern begannen, die Regeln zu hinterfragen. In sozialen Medien teilten Tausende ihre eigenen Erfahrungen mit den entwürdigenden Kontrollen.

[Wusstest du? In manchen Schulen mussten Schüler ihre Unterwäschefarbe nachweisen – Mädchen wurden aufgefordert, ihre Blusen anzuheben, Jungen ihre Hemden zu öffnen. In Fukuoka ergab eine Studie, dass über 80 Prozent der Schulen Regeln zur Unterwäschefarbe hatten (VICE 2021).]

Tokio geht voran

Im März 2022 verkündete die Tokioter Schulbehörde eine historische Entscheidung: Ab dem neuen Schuljahr im April werden an rund 200 öffentlichen Oberschulen fünf besonders umstrittene Regeln abgeschafft (CNN 2022). Dazu gehören:

  • Die Pflicht, natürliches Haar schwarz zu färben

  • Die Vorschrift, nur weiße Unterwäsche zu tragen

  • Das Verbot von „Two-Block“-Frisuren (kurz an den Seiten, länger oben)

  • Die Praxis, suspendierte Schüler zu Hause zu isolieren statt in der Schule zu betreuen

  • Unklare Formulierungen in den Richtlinien, die als „typisch für Oberschüler“ galten (The Guardian 2022)

Die Entscheidung basierte auf einer Umfrage aus dem Vorjahr, die ergab, dass 216 von 240 untersuchten Schulen noch immer solche Regeln hatten (VICE 2022). Schülervertreter und Lehrer diskutierten monatelang, welche Regeln wirklich notwendig waren. Das Ergebnis: die Abschaffung der fünf umstrittensten Punkte.

Kaori Yamaguchi, Mitglied der Schulbehörde, lobte den Schritt, kritisierte aber: „Es hat viel zu lange gedauert, die Beschwerden der Schüler ernst zu nehmen. Die Japaner wurden erzogen zu glauben, es sei eine Tugend, Regeln einfach zu befolgen.“ (The Guardian 2022)

Nicht alle Regeln fallen

Ganz abgeschafft sind die „buraku kosoku“ damit nicht. Eine Regel bleibt: Schüler müssen nachweisen können, dass ihr Haar natürlich gelockt oder nicht schwarz ist, wenn sie von der Norm abweichen (The Guardian 2022). Die Schulbehörde begründet dies nicht, aber Experten vermuten: „Haare sind eines der einfachsten Mittel, um Schüler zu kontrollieren. Viele Lehrer haben Angst, die Kontrolle zu verlieren, wenn sie alle Regeln abschaffen.“ (VICE 2022)

In der Präfektur Gifu haben Schulen ähnliche Regeln abgeschafft – aber auch dort müssen Schüler mit naturblondem oder gelocktem Haar dies vorab melden, um nicht fälschlich des Färbens oder Glättens beschuldigt zu werden (Asahi Shimbun 2019).

Eine Bewegung wächst

Tokio ist nicht die einzige Stadt, die ihre Regeln ändert. In der Präfektur Saga entschuldigte sich der Schulleiter der Yamato-Mittelschule öffentlich, nachdem bekannt wurde, dass Lehrer Schüler aufforderten, ihre Unterhemden anzuheben, um die Farbe zu kontrollieren. „Es war unangemessen“, sagte er und setzte die Kontrollen aus (VICE 2021).

In Fukuoka ergab eine Studie, dass die strengen Regeln bei vielen Schülern Stress und Angst auslösen. Die Stadt kündigte an, ihre Richtlinien zu überarbeiten (CNN 2022). In Mie wurden 2021 alle Regeln zu Haaren, Unterwäsche und Dating abgeschafft – Beamte bezeichneten sie als „Relikte einer anderen Zeit“ (The Guardian 2022).

Sogar das Modell der geschlechtergetrennten Uniformen bröckelt. Eine Schule in Ube führte als erste „genderlose“ Uniformen ein: Alle Schüler können wählen, ob sie Hose oder Rock tragen wollen (CNN 2022).

Der Schüler, der alles hinterfragte

Manchmal reicht ein einziger Schüler, um ein ganzes System ins Wanken zu bringen. Im Mai 2014 trat ein neuer Schüler an die Kojimachi-Mittelschule in Tokio – mit naturblonden Haaren. Seine vorherige Schule hatte ihn gezwungen, sie schwarz zu färben. Jetzt weigerte er sich. Schulleiter Yuichi Kudo entschied spontan: „Der Schüler sagt, es sei seine natürliche Farbe. Also ist es doch in Ordnung, oder?“ (Mainichi 2022).

Die anderen Lehrer protestierten: „Was wird aus unseren Regeln?“ Kudo blieb hart: „Jemanden zu zwingen, seine natürliche Haarfarbe zu ändern, ist ein Problem der Menschenrechte.“ (Mainichi 2022) In den folgenden Monaten überprüfte die Schule sämtliche Regeln – und schaffte viele ab. Ein Schüler mit blondem Haar hatte eine Lawine losgetreten.


Quellen:

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