Ein Albatros beim Fliegen über das Meer. Bild Wikipedia

Wie eine bunte Schnur den Albatros rettet – und warum Frauen dabei der Schlüssel sind

(Südatlantik/Namibia) Jedes Jahr sterben schätzungsweise 100.000 Albatrosse in den Leinen der Hochseefischerei – nicht als Ziel, sondern als Kollateralschaden. BirdLife International hat mit einer simplen Technik und einem überraschenden Akteur die Trendwende eingeleitet: Frauen in Küstengemeinden, die bunte Schnüre nähen und damit eines der größten Vogelschutzprogramme der Welt am Laufen halten.

Vor der Küste Namibias, auf dem graublau glitzernden Südatlantik, zieht ein Fischereifahrzeug seine Langleinen ein. Bis zu 130 Kilometer lang können solche Leinen sein, bestückt mit Tausenden von Köderhaken (Greenpeace 2024). Albatrosse, die mit ihren bis zu 3,5 Metern Spannweite elegant über den Wellen gleiten, sehen die Köder – und tauchen danach. Sie schlucken den Haken, werden unter Wasser gezogen und ertrinken. Dieses stille Massensterben hat dazu beigetragen, dass heute 15 der 22 Albatrossarten weltweit als bedroht gelten (BirdLife International 2025).

Doch hinter dem Schiff weht jetzt eine bunte Schnur im Wind. Flatternde Bänder aus farbigem Nylon – sogenannte Tori-Linien – schrecken die Vögel ab, bevor sie in die Tiefe gezogen werden. Es ist eine denkbar einfache Lösung für ein globales Problem. Und die Geschichte dahinter ist mehr als eine Naturschutzgeschichte.

Die Albatross Task Force

2006 gründeten BirdLife International und der britische RSPB die Albatross Task Force (ATF). Ihr Ansatz war ungewöhnlich: keine Kampagne von außen, kein politischer Druck von oben – sondern Instrukoren, die direkt auf Fischereifahrzeuge gehen und Kapitäne, Besatzungen und Hafenbehörden schulen. In acht Ländern entlang Südamerikas und Südafrikas ist das Team heute aktiv.

Die Ergebnisse sind beeindruckend. In Südafrika sank die Albatrossterblichkeit seit Beginn der ATF-Arbeit um 99 % (BirdLife International 2025). In Namibia, wo eine wissenschaftliche Studie die Wirkung über viele Jahre dokumentierte, wurde der Seevogelbeifang in der demersalen Langleinenfischerei um 98 % reduziert – das entspricht 22.000 geretteten Vögeln pro Jahr (BirdLife International 2021). In Chile entwickelte das Team sogar ein neuartiges Netzdesign für die Ringwadenfischerei, das die Sterblichkeit um 80 % senkt.

Wusstest du? Ein Albatrosspaar brütet durchschnittlich nur alle zwei Jahre ein einziges Küken aus. Stirbt ein erwachsenes Tier durch Beifang, kann sich die Population kaum erholen. Die Antipodean-Albatross-Population ist seit 2005 um 60 % zurückgegangen (Seabird Tracking Database 2025).

Die eingesetzten Mittel sind verblüffend günstig: flatternde Vogelschreucklinen hinter dem Heck, beschwertes Angelgerät, das schneller sinkt, und nächtliches Auswerfen der Leinen – denn Albatrosse jagen tagsüber, im Dunkeln sind sie sicher (WWF Schweiz 2024).

Wenn Frauen die Lösung nähen

Was BirdLifes Arbeit von vielen klassischen Naturschutzprojekten unterscheidet, ist der Gedanke dahinter: Schutz funktioniert nur dann dauerhaft, wenn die Menschen vor Ort nicht nur informiert, sondern wirtschaftlich eingebunden werden.

In Namibia wurden Frauengruppen aus der lokalen Gemeinschaft damit beauftragt, die Tori-Linien herzustellen und zu verkaufen (BirdLife International 2025). Aus dem Vogelschutz wurde ein kleines Unternehmen. In Malawi am Chia Lagoon – Malawis größter Lagune – arbeitet BirdLife seit 2023 mit der Umodzi Women’s Group zusammen. Feldreferent Gift Maluwa berichtet, dass die Gruppe von 15 auf 20 Mitglieder wuchs; insgesamt 40 Frauen profitieren direkt von einem Mikrokredit-Programm (BirdLife International 2025). Teilnehmerin Zainab erhielt zunächst einen Kredit von umgerechnet knapp 64 Pfund – und baute damit ein kleines Landwirtschaftsunternehmen auf, das sie vollständig zurückzahlte.

Frauen beim fischen in Narobi. Foto von Keegan Checks: https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-im-gewasser-3954300/
Frauen beim fischen in Narobi. Foto von Keegan Checks 

Lokales Wissen als Fundament

Auf der indonesischen Insel Flores geht dieser Ansatz noch weiter. Dort überwacht die Gruppe „Mama–Mama Penjaga Mbeliling“ – auf Deutsch etwa: „die Mütter, die Mbeliling bewachen“ – gemeinsam mit BirdLife-Partner Burung Indonesia die Wälder rund um den Mbeliling-Berg, Heimat von Dutzenden endemischer Vogelarten (BirdLife International 2024). Kein externer Ranger, keine teure Technologie – sondern Frauen, die ihr eigenes Land kennen und schützen.

Wusstest du? BirdLife International baut seit den späten 1990er Jahren ein weltweites Netzwerk aus sogenannten Local Conservation Groups (LCGs) auf – Basisgruppen, die mit lokalem Wissen und lokalem Engagement Schutzgebiete betreuen. Indigenous Peoples‘ Lands umfassen heute mindestens 28 % der Fläche aller Key Biodiversity Areas weltweit (BirdLife Datazone 2024).

Die Tori-Linie, genäht von einer Frau in einer namibischen Küstenstadt, landet schließlich auf einem Fischerboot mitten im Ozean. Sie flattert im Wind. Ein Albatros zieht elegant vorbei – und fliegt weiter. Das ist BirdLifes eigentliche Leistung: nicht spektakuläre Einzelaktionen, sondern ein System, in dem lokale Gemeinschaften, Fischer und Wissenschaftler gemeinsam Verantwortung übernehmen.

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Quellen

BirdLife International 2025. „Albatross Task Force“. [online] Verfügbar unter: https://www.birdlife.org/projects/albatross-task-force/ BirdLife International 2025. „Empowering Women, Empowering Nature“. [online] Verfügbar unter: https://www.birdlife.org/news/2025/07/03/empowering-women-empowering-nature-driving-change-through-conservation-and-microenterprise-in-malawi/ BirdLife International 2021. „ATF Annual Report 2020/21“. [online] Verfügbar unter: https://www.acap.aq/latest-news/birdlife-s-albatross-task-force-releases-its-annual-report-for-2020-21 Greenpeace 2024. „Beifang bei der Fischerei“. [online] Verfügbar unter: https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/fischerei/beifang

 

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