Wenn Häuser wachsen – Dänemarks lebende Architektur aus Pilzen
Stellen Sie sich ein Haus vor, dessen Wände atmen. Eine Fassade, die sich selbst repariert, wenn ein Riss entsteht. Ein Gebäude, das nicht gebaut, sondern gezüchtet wird – wie ein Garten, der langsam in die Höhe wächst.
Was wie Science-Fiction klingt, erforscht Professor Phil Ayres an der Königlich Dänischen Akademie in Kopenhagen tagtäglich. Sein Fachgebiet: Biohybride Architektur. „Es ist faszinierend, weil es viele unserer üblichen Vorstellungen von Architektur herausfordert – wie wir sie entwerfen, wie wir sie bauen, wie wir in ihr leben“, sagt Ayres (DAC 2026).
Die Zukunft wächst im Labor
Die Idee ist ebenso einfach wie revolutionär: Warum müssen wir Baumaterialien immer mit enormem Energieaufwand herstellen, wenn die Natur sie bereits im Überfluss produziert? Pilze zum Beispiel bilden unter der Erde riesige Geflechte aus – das sogenannte Myzel. Diese feinen, weißen Fäden sind extrem stabil, leicht und können auf landwirtschaftlichen Abfällen wachsen (EU Horizon Magazine 2026).
Bereits heute lassen sich aus Myzel Akustikpaneele, Dämmstoffe und sogar Bodenfliesen herstellen. Die ersten Produkte sind bereits auf dem Markt. Doch die Forschung geht viel weiter: Im EU-Projekt „Fungateria“ entwickeln Wissenschaftler aus sieben Ländern Materialien, die wirklich lebendig sind. Sie kombinieren Pilzmyzel mit Bakterien, die so programmiert werden können, dass sie dem Pilz Nährstoffe liefern – oder auf Befehl dessen Wachstum stoppen (EU Horizon Magazine 2026).
„In zehn Jahren sollten wir die ersten Pilz-Gebäude haben“, prophezeit Professor Han Wösten von der Universität Utrecht, ein weiterer Pionier auf diesem Gebiet (DAC 2026).
Warum das alles?
Die Baubranche ist einer der größten Klimasünder weltweit. Sie verursacht mehr als ein Drittel des gesamten Abfalls in der EU und bis zu zwölf Prozent der Treibhausgasemissionen (EU Horizon Magazine 2026). Pilzmaterialien hingegen wachsen auf Abfällen – etwa auf Sägemehl oder Stroh – und binden dabei sogar CO₂.
Doch für Phil Ayres geht es um mehr als Klimaschutz. „Architektur ist ein Spiegel unserer Einstellungen und Werte“, erklärt er. „Biohybride Architektur möchte eine qualitativ andere Art von Architektur anbieten – eine, die Werte wie ökologische Verbundenheit, Ressourcenbewusstsein und Regeneration widerspiegelt“ (Royal Danish Academy 2026).
Ein Haus aus Pilzen wäre niemals fertig. Es würde sich ständig verändern, wachsen, vielleicht sogar jahreszeitlich unterschiedlich aussehen. „Stell dir vor, du könntest Architektur erleben wie den Wechsel der Jahreszeiten in einem Garten“, schwärmt Ayres (DAC 2026). Diese permanente Veränderung wäre Teil der Identität des Gebäudes.
Die Herausforderungen
Natürlich gibt es Hürden. Lebende Materialien sind im Baugewerbe völlig ungewohnt. Bauvorschriften basieren auf festen Zuständen und Eigenschaften – doch lebende Materialien sind dynamisch (Royal Danish Academy 2026). Wer garantiert, dass ein Pilz nicht weiterwächst, wenn er längst Teil einer tragenden Wand ist?
Die Forschung arbeitet an Lösungen: Licht- und Temperatursignale können dem Pilz signalisieren, zu wachsen oder aufzuhören. Und gentechnisch veränderte Bakterien, die dem Pilz essentielle Nährstoffe liefern, könnten als Sicherheitsschalter dienen: Sterben die Bakterien, stoppt auch der Pilz (EU Horizon Magazine 2026).
Wann ziehen wir ein?
Volle Häuser nur aus Pilzen wird es wohl nie geben, dafür sind andere Materialien wie Holz für tragende Strukturen besser geeignet. Aber Pilze als Füllmaterial, als Dämmung, als Innenausbau – das ist in greifbarer Nähe.
Ayres‘ Team arbeitet bereits an Prototypen. Auf der Architekturbiennale in Venedig wurden erste Exponate gezeigt (DAC 2026). Die Forscher wollen nicht die konventionelle Architektur ersetzen, sondern Alternativen schaffen. „Sie erweitern, was Architektur sein kann, und geben uns mehr Möglichkeiten, unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen“ (Royal Danish Academy 2026).
Und wenn sich die Gesellschaft erst einmal daran gewöhnt hat? Phil Ayres ist optimistisch: „Wir essen seit Hunderten von Jahren Lebensmittel mit lebenden Organismen. Wir beschäftigen uns erst seit etwa 20 Jahren mit den möglichen Anwendungen dieser Organismen im Bausektor“ (DAC 2026).
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Quellen
Hauptartikel:
DAC (2026): When Buildings Come Alive: The Future of Architecture May Be Grown, Not Built. URL: https://dac.dk/en/magazine/when-buildings-come-alive-the-future-of-architecture-may-be-grown-not-built
EU Horizon Magazine (2026): From mushrooms to new architecture: the rise of living, self-healing buildings. URL: https://projects.research-and-innovation.ec.europa.eu/en/horizon-magazine/mushrooms-new-architecture-rise-living-self-healing-buildings
Royal Danish Academy (2026): About Chair for Biohybrid Architecture. URL: https://royaldanishacademy.com/en/article/about-chair-biohybrid-architecture
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