Christian Felber, Erfinder der Gemeinwohl-Ökonomie bei einem Talk. Bild Christian Felber.

Was wäre, wenn Wirtschaft das Gemeinwohl misst statt Gewinn? Die Geschichte und Praxis der Gemeinwohl-Ökonomie

(Wien/weltweit) – Es war 2010, als Christian Felber sich mit einer Handvoll Unternehmerinnen und Unternehmern in Wien zusammensetzte und eine Frage stellte, die eigentlich schon in vielen Verfassungen der Welt beantwortet ist – aber von der Wirtschaft seit Jahrzehnten ignoriert wird: Was wäre, wenn der Erfolg eines Unternehmens nicht am Gewinn gemessen würde, sondern an seinem Beitrag zum Gemeinwohl? Aus diesem Gespräch wurde eine Bewegung. Fünfzehn Jahre später ist sie in 33 Ländern aktiv, zählt über 1.400 bilanzierende Organisationen und trägt seit 2024 international den Namen ECOnGOOD.

Christian Felber, geboren 1972 in Salzburg, Autor, Universitätslektor und Mitbegründer von Attac Österreich im Jahr 2000, hatte schon länger das Gefühl, dass etwas Grundlegendes nicht stimmte. Nicht an einzelnen Unternehmen, nicht an einzelnen Politiken – sondern am Rahmen selbst. An der Logik, die Gewinnmaximierung als oberstes Ziel wirtschaftlichen Handelns behandelt, obwohl die meisten demokratischen Verfassungen der Welt die Wirtschaft ausdrücklich dem Gemeinwohl verpflichten. Die bayerische Verfassung etwa hält fest: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle. Geschrieben – aber von der Wirtschaft weitgehend ignoriert.

Felbers Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“, das er 2010 gemeinsam mit dem Start der Bewegung veröffentlichte, wurde zum Spiegel-Bestseller und erschien in zwölf Sprachen. Die englische Ausgabe trägt ein Vorwort von Wirtschaftsnobelpreisträger Eric Maskin. Aber was Felber interessierte, war nicht das Buch – es war die Praxis.

Mit dem Buch die Gemeinwohl Ökonmie von Felber bekommstdu Ideen, wie du Dinge selbst umsetzen kannst.
Mit dem Buch die Gemeinwohl Ökonmie von Felber bekommstdu Ideen, wie du Dinge selbst umsetzen kannst.

Was die Gemeinwohl-Ökonomie will – und was sie nicht will

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist kein Plädoyer für Staatswirtschaft und kein Angriff auf private Unternehmen. Sie lässt die Extreme Kapitalismus und Sozialismus hinter sich. Als ethische Marktwirtschaft beruht sie überwiegend auf privaten Unternehmen – doch diese streben nicht in Konkurrenz zueinander nach Finanzgewinn, sondern kooperieren mit dem Ziel des grössten Gemeinwohls.

Der Kern ist eine Umkehrung einer Priorität: Geldgewinn wird nicht abgeschafft – er wird vom Zweck zum Mittel. Der eigentliche Zweck eines Unternehmens ist, Menschen und Gesellschaft zu nützen. Was heute als Nebenbedingung gilt – fair sein, ökologisch handeln, Mitarbeitende gut behandeln – wird zur Hauptmessgrösse. Und was heute als Hauptziel gilt – Gewinnmaximierung – wird zum Werkzeug, das dem eigentlichen Zweck dient.

Die Gemeinwohl-Bilanz: Wenn Werte zählbar werden

Das praktischste Werkzeug der Bewegung ist die Gemeinwohl-Bilanz. Sie ist das Gegenstück zur klassischen Finanzbilanz – aber statt Umsatz, Gewinn und Eigenkapital misst sie, wie ein Unternehmen mit seinen Mitarbeitenden umgeht, wie es Lieferanten behandelt, welchen ökologischen Fussabdruck es hinterlässt und welchen Beitrag es zur Gesellschaft leistet.

Die Gemeinwohl-Bilanz ist das Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie und ein universal anwendbares strategisches Tool, an dem sich Organisationen, Unternehmen, Gemeinden, Bildungseinrichtungen oder NGOs orientieren können. Sie ist eine ethische Bilanz, die parallel zur finanziellen Bilanz erstellt wird und auf der Basis der Gemeinwohl-Matrix den Beitrag zum Gemeinwohl erfasst, der durch das wirtschaftliche Handeln entsteht. (germany.econgood.org)

Konkret bewertet die Bilanz fünf Werte – Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung – in der Beziehung zu fünf Anspruchsgruppen: Lieferanten, Mitarbeitende, Kundinnen und Produkte, gesellschaftliches Umfeld und Mitbewerber. Das Ergebnis ist eine Punktzahl zwischen -3.600 und +1.000. Negativpunkte sind für Verstösse möglich – kein Urteil, sondern eine Einladung zur Reflexion und Verbesserung.

Ein Unternehmen, das eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen will, geht durch einen strukturierten Prozess: Es bewertet sich selbst anhand des Kriterienrahmens, zieht externe Auditorinnen und Auditoren hinzu und veröffentlicht den Bericht – öffentlich, einsehbar für alle. Für kleine Unternehmen werden die Kosten mit rund 1.000 Euro veranschlagt – vergleichsweise günstig für ein vollständiges Nachhaltigkeitsaudit. (Wikipedia)

Wusstest du? Seit der Gründung 2010 haben sich über 1.400 Unternehmen, knapp 50 Gemeinden und zahlreiche Bildungs- und Finanzinstitutionen der Gemeinwohl-Ökonomie angeschlossen. Die Bewegung zählt weltweit rund 11.000 Unterstützerinnen und Unterstützer, 5.000 Mitglieder in über 170 Regionalgruppen und 200 Hochschulen, die die Vision verbreiten. (Newslichter 2025)

Drei Unternehmen – drei Geschichten

VAUDE, der Outdoorausrüster aus Tettnag am Bodensee

VAUDE, der Bergsportausrüster aus Tettnang am Bodensee, war das erste Unternehmen der Outdoor-Branche, das eine auditierte Gemeinwohl-Bilanz veröffentlichte. Geschäftsführerin Antje von Dewitz sagt dazu: „Die Gemeinwohl-Bilanz zeigt, wie engagiert ein Unternehmen seine Verantwortung wahrnimmt, auch im Vergleich zu anderen. Wir spüren, dass Konsumenten dies zunehmend wissen möchten, um selbst auch verantwortlich handeln zu können.“umweltdialog.de 2015)

In der zweiten Bilanz nach dem strengeren Standard 5.0 erreichte VAUDE 631 Punkte (auf einer Skala von -3.600 bis +1.000)(VAUDE CSR-Report) – eine hohe Wertung für ein Wirtschaftsunternehmen. Besonders gut schnitt das Familienunternehmen in den Bereichen ökologische Produktgestaltung und Reduktion ökologischer Auswirkungen ab. Hinzu kommen konkrete Massnahmen für das gesellschaftliche Umfeld: VAUDE betreibt ein Kinderhaus und das örtliche Freibad, betreibt eine öffentlich zugängliche Bio-Kantine und Kletterwand, engagiert sich für die Integration von Geflüchteten und hat ein Repaircafé aufgebaut. (VAUDE GWÖ-Index)

SONNENTOR – der Bio-Teehersteller aus Niederösterreich

SONNENTOR, der österreichische Bio-Kräuter- und Teespezialist, gehört zu den Pionieren der Bewegung. Das Unternehmen hat seit Gründung der Gemeinwohl-Ökonomie bereits acht Gemeinwohl-Bilanzen erstellt – mehr als fast jedes andere Unternehmen weltweit. (GWÖ Österreich 2025)

SONNENTOR sagt dazu selbst: „Mit der Gemeinwohl-Ökonomie können wir zeigen: Es ist möglich, verantwortungsvoll zu handeln und dabei wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Was wir als Unternehmen tun und vor allem auch wie wir es tun, hat Auswirkungen auf unser direktes Umfeld und die Gesellschaft im Allgemeinen.“ (sonnentor.com) Der aktuelle Gemeinwohl-Bericht umfasst nicht nur den österreichischen und deutschen Betrieb, sondern auch die Schwesterunternehmen in Tschechien und Rumänien – und macht damit sichtbar, wie eine faire Lieferkette tatsächlich aussieht.

i+m Naturkosmetik Berlin – das vegane Kosmetikunternehmen

i+m Naturkosmetik ist seit 1978 aktiv und eines der ältesten veganen Kosmetikunternehmen Deutschlands (iplusm.berlin). Das Unternehmen sieht die Gemeinwohl-Bilanz als Werkzeug, um Nachhaltigkeit zu quantifizieren, und betont einen wichtigen Punkt: Für viele Unternehmen sind wirklich nachhaltige Ansätze noch unattraktiv, weil sie zunächst mehr kosten. Die Gemeinwohl-Bilanz soll diesen Mehraufwand beziffern – und könnte durch Steuererlasse ausgeglichen werden. Das ist noch Zukunftsmusik – aber i+m macht es trotzdem, aus Überzeugung.

Diese drei Unternehmen sind verschieden in Grösse, Branche und Land. Was sie verbindet: Sie alle haben entschieden, dass Transparenz kein Risiko ist – sondern Stärke.

Von Wien in die Welt – und in die Politik

Einige Kommunen und Städte zeigen inzwischen Interesse an der Gemeinwohl-Ökonomie: Stuttgart, Mannheim, Amsterdam, Wien und Barcelona haben begonnen, ihre Prinzipien umzusetzen. Der Stadtrat von Münster hat beschlossen, für sämtliche Kommunalbetriebe eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen (Wikipedia). Was als Idee eines einzelnen Autors begann, ist heute Gegenstand kommunaler Beschlüsse und europäischer Debatten.

Christian Felber selbst sagt es so: „Ein neues Wirtschaftsmodell braucht vermutlich 150 Jahre, bis es friedlich reifen und demokratisch umgesetzt werden kann. Die ersten 15 Jahre sind wir erstaunlich weit gekommen.“ (Newslichter 2025) Inzwischen gibt es einen Lehrstuhl für Gemeinwohl-Ökonomie an der Universität Valencia, drei wissenschaftliche Konferenzen, das ECOnGOOD Business Canvas für Gründerinnen und Gründer sowie ein Gemeinwohlkonto als Finanzinstrument. Aus einer Runde Wiener Unternehmer ist eine globale Bewegung geworden – die zeigt, dass eine andere Art des Wirtschaftens nicht Utopie ist, sondern gelebte Praxis.

Wusstest du? Eine Studie vom April 2025 liefert erstmals fundierte Schätzungen zum Umfang gemeinwohl-orientierter Unternehmen in Deutschland: Rund 160.000 Unternehmen lassen sich unter diese Definition fassen – mit etwa 3,2 Millionen Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von bis zu 82 Milliarden Euro. Das entspricht rund sieben Prozent der Beschäftigten in Deutschland. (Wikipedia 2025) Die Bewegung ist grösser als sie sich selbst wahrnimmt.


Quellen (Harvard-Format, ohne Zugriffsdatum):

Felber, C. (2018): Die Gemeinwohl-Ökonomie. Piper. Verfügbar unter: https://www.piper.de/buecher/gemeinwohl-oekonomie-isbn-978-3-492-31236-3

GWÖ Deutschland (2025): Gemeinwohl-Bilanz. Verfügbar unter: https://germany.econgood.org/tools/gemeinwohl-bilanz/

GWÖ Österreich (2025): Gemeinwohl-Unternehmen. Verfügbar unter: https://austria.econgood.org/unternehmen/

i+m Naturkosmetik (2024): Unsere Gemeinwohl-Ökonomie. Verfügbar unter: https://iplusm.berlin/ueber-iplusm/gemeinwohl-bilanz/

SONNENTOR (2025): SONNENTOR und die Gemeinwohlökonomie. Verfügbar unter: https://www.sonnentor.com/de-at/ueber-uns/kreislaufwirtschaft/gemeinwohl-oekonomie-was-ist-das

VAUDE (2025): Gemeinwohl-Ökonomie. Verfügbar unter: https://nachhaltigkeitsbericht.vaude.com/gri/csr-standards/gemeinwohloekonomie.php

Wikipedia (2025): Gemeinwohl-Bilanz / Gemeinwohl-Ökonomie. Verfügbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeinwohl-Bilanz

 


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