Ein Klick für Fozia, George und Isaac: tip me macht Wertschätzung in globalen Lieferketten bezahlbar
(Berlin/weltweit) – Fozia Bibi arbeitet in Pakistan an Sneaker-Teilen. George Ameyaw ist Weber in Ghana. Isaac Wambua Muema ist Cutter in Kenia. Thi Phuong Pham näht Jeans in Vietnam. Sie alle haben eines gemeinsam: Wer ihre Produkte kauft, weiss ihren Namen nicht. Wer ihr Produkt trägt, denkt selten an sie. Und was sie verdienen, reicht selten weit. Ein junger Gründer aus Deutschland hat sich 2018 gefragt, warum das so sein muss – und eine Antwort gefunden, die einfach ist wie ein Trinkgeld im Restaurant.

Jonathan Funke war 21 Jahre alt, als er tip me gründete. Er hatte an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde Unternehmensmanagement studiert, sich mit Lieferketten beschäftigt – und war zunehmend frustriert darüber, wie unsichtbar die Menschen am Anfang dieser Ketten bleiben. (Reset.org 2022)
Die Idee war simpel: Wenn wir im Restaurant dem Kellner Trinkgeld geben, weil wir seine Arbeit wertschätzen – warum können wir das nicht auch der Näherin sagen, die unsere Jeans gemacht hat? Was fehlt, ist nicht die Bereitschaft. Was fehlt, ist der Weg.
tip me versteht sich als eine Art globales Dankeschön-System – mit dem Ziel, direkte Verbindungen zwischen Konsumentinnen und Konsumenten und den realen Menschen herzustellen, die ihre Produkte fertigen. (17Goals Magazin 2022)
Wie es ‚tip-me‘ funktioniert – konkret und direkt
Das Prinzip ist in drei Schritte erklärbar. Wer in einem Online-Shop einkauft, der ‚tip me‘ integriert hat, kann beim Bezahlvorgang freiwillig ein bis fünf Euro hinzufügen – als Trinkgeld. Dieses Geld geht zu 100 Prozent an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die das Produkt hergestellt haben – ohne Umwege, ohne Abzüge. (tip-me.org o. J.)
tip me lernt alle Arbeitenden in den Partnerproduktionsstätten persönlich kennen, macht Fotos, erfasst Namen, Telefon- und Bankverbindungen. Gemeinsam mit den Beteiligten vor Ort wird entschieden, wie die Trinkgelder fair untereinander aufgeteilt werden. (17Goals Magazin 2022) Die Auszahlung erfolgt direkt auf individuelle Bankkonten – alle drei Monate, zuverlässig, nachvollziehbar.
Was dabei herauskommt, ist im Schnitt ein zusätzlicher Monatslohn pro Jahr – für Menschen, die in vielen Fällen ohnehin weit unter einem existenzsichernden Lohn arbeiten. (17Goals Magazin 2022)
Wusstest du? ‚tip me‘ achtet streng darauf, nur mit Fabriken zusammenzuarbeiten, die die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation erfüllen. Jonathan Funke dazu: „Es macht keinen Sinn, Trinkgelder an Menschen zu geben, die Sklavenarbeit leisten oder nicht das Recht haben, eine Gewerkschaft zu gründen. Wir müssen sicherstellen, dass jede Fabrik diese Standards erfüllt.“ (Reset.org 2022)
Die Menschen hinter den Produkten
Was ‚tip me‘ von anderen Nachhaltigkeitsinitiativen unterscheidet, ist die radikale Sichtbarkeit der Menschen. Auf der Website von tip-me.org sind keine abstrakten Lieferketten zu sehen – sondern Namen, Gesichter, Geschichten.

Fozia Bibi aus Pakistan arbeitet an Sneaker-Teilen. Sie will mit dem Trinkgeld Kleidung für ihre Kinder kaufen. George Ameyaw, Weber in Ghana, möchte seine Familie unterstützen. Isaac Wambua Muema, Cutter in Kenia, spart auf Schulgebühren. Thi Phuong Pham aus Vietnam, Näherin, verwendet ihr Trinkgeld für ihre buddhistische Praxis. (tip-me.org o. J.)
Diese Geschichten sind keine Marketingerzählungen. Sie sind der eigentliche Kern des ‚tip me‘ Projekts – der Beweis, dass hinter jedem Produkt ein Mensch steht, der ein Leben hat, Träume hat, Bedürfnisse hat.

Was ‚tip me‘ bis heute erreicht hat
Stand März 2023 hat tip me über 80.000 Euro Trinkgeld für Arbeiterinnen und Arbeiter in globalen Lieferketten gesammelt. 1.500 Arbeiterinnen und Arbeiter erhalten ein zusätzliches Einkommen. Das Netzwerk erstreckt sich über Projekte in zehn Ländern: Pakistan, Vietnam, Kenia, Ukraine, Türkei, Indien, Guatemala, Ghana, Ecuador und Deutschland. (DBU 2023)
Zu den Partnermarken gehören unter anderen ethletic, DAWN Denim, SNOCKS und erlich textil – Unternehmen, die das tip-me-System in ihren Online-Shops integriert haben und es ihren Kundinnen und Kunden ermöglichen, direkt Danke zu sagen. (tip-me.org o. J.)
Für Arbeiterinnen in der Ukraine, die unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges leiden, bedeutet das zusätzliche Einkommen aus dem Trinkgeldsystem konkrete Unterstützung – verteilt alle drei Monate auf individuelle Bankkonten. (LinkedIn tip me o. J.)
Mehr als Geld – eine andere Art des Sehens
Jonathan Funke ist überzeugt, dass es bei tip me um mehr geht als um die überwiesenen Euros. „Es geht um so viel mehr als nur um das Geld“, sagt Funke. „Das Leben und den Lebensunterhalt der Menschen hinter jedem Produkt zu sehen, fördert eine engagiertere und empathischere Denkweise.“ (Reset.org 2022)
Das ist der eigentliche Wandel, den tip me anstrebt: nicht nur Geldzahlungen – sondern ein verändertes Bewusstsein. Dass ein T-Shirt keine anonyme Ware ist. Dass hinter jeder Naht eine Person steckt. Und dass es möglich ist, diese Person zu sehen, ihr zu danken – und damit etwas zu verändern.
Wusstest du? tip me plant, das Modell langfristig auch in den Lebensmittelbereich auszuweiten – wo Kaffeebauern, Obstpflückerinnen und andere Produzentinnen in der Lieferkette ebenfalls für ihre Arbeit sichtbar werden sollen. (17Goals Magazin 2022) Trinkgeld für die Menschen, die unseren Kaffee anbauen – das ist die nächste Idee.
Quellen:
17Goals Magazin (2022): Tip me: Das globale Trinkgeld in der Lieferkette. Verfügbar unter: https://www.17goalsmagazin.de/tip-me-das-globale-trinkgeld/
DBU (2023): tip me – das globale Trinkgeld: Projektdaten. Verfügbar unter: https://www.dbu.de/projektdatenbank/35501-13/
Reset.org (2022): tip me: Ein digitales Trinkgeld für die Produzentinnen deiner Kleidung. Verfügbar unter: https://reset.org
tip-me.org (o. J.): The global tip. Verfügbar unter: https://www.tip-me.org/
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