Missing maps ist mit swipemaps verwandt. Bild missingmaps.
|

Wenn Karten fehlen, fehlt Hilfe: Das Missing Maps Projekt macht unsichtbare Gemeinden sichtbar

(weltweit) – Wenn ein Erdbeben zuschlägt, wenn Cholera ausbricht, wenn ein Zyklon ein Dorf trifft – dann zählt jede Minute. Helferinnen und Helfer brauchen Karten. Für Millionen Menschen auf dieser Welt gibt es diese Informationen schlicht nicht. Das Missing Maps Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, das zu ändern. 

Das Problem beginnt weit vor der Katastrophe. Als 2019 der Zyklon Idai grosse Teile Mosambiks zerstörte, fehlten in vielen Gebieten grundlegende Informationen um schnell Rettungskräfte zu den Opfern zu bringen. Idai traf am 14./15. März 2019 die mosambikanische Küste bei Beira; über 1.500 Menschen starben, mehr als 3 Millionen waren betroffen. Missing Maps-Freiwillige kartierten danach über 200.000 Gebäude und rund 17.000 km Strassen in den betroffenen Gebieten.  Karten, die vor dem Ereignis existiert hätten, hätten die Koordination der Hilfe massiv erleichtert. MSF-Mitarbeitende beschreiben es so: Wenn man auf einen Cholera-Ausbruch reagieren und Karten- sowie Patientendaten hat, kann man die Lage und Konzentration der Fälle visualisieren. (Doctors Without Borders 2024)

Was das Missing Maps Projekt ist

Das Missing Maps Projekt wurde gegründet, um eine strukturelle Lücke im humanitären System zu schliessen: die fehlende Karte. Nicht fehlende Hilfsbereitschaft, nicht fehlende Mittel – sondern schlicht fehlende Geodaten über die Orte, an denen die vulnerabelsten Menschen der Welt leben. Im November 2014 von Ärzte ohne Grenzen, dem Amerikanischen Roten Kreuz, dem Britischen Roten Kreuz und dem Humanitarian OpenStreetMap Team gegründet, ist es heute ein Netzwerk von über zwanzig NGOs, Universitäten und Freiwilligenorganisationen weltweit.

Die Grundidee ist so einfach wie wirkungsvoll: Satellitenbilder existieren für fast jeden Winkel der Erde. Was fehlt, ist jemand, der sie auswertet – jemand, der erkennt, wo ein Gebäude steht, wo eine Strasse verläuft, wo Menschen leben. Genau das leisten Freiwillige weltweit, von zuhause aus, in ihrer Freizeit. Ihr Beitrag fliesst direkt in OpenStreetMap ein – die freie, kollaborativ erstellte Weltkarte, die von Millionen Menschen gepflegt wird und deren Daten kostenlos und ohne Einschränkung für alle zugänglich sind. Was einmal eingetragen ist, bleibt.

Der Prozess folgt drei aufeinander aufbauenden Schritten. Im ersten Schritt kartieren Remote-Freiwillige Satellitenbilder: Sie zeichnen Gebäudeumrisse, Strassenverläufe, Gewässer und andere erkennbare Strukturen direkt in OpenStreetMap ein. Dieser Schritt braucht keine Vorkenntnisse – wer ein Bild lesen und einen Cursor bewegen kann, kann mitmachen. Im zweiten Schritt validieren erfahrene Mapperinnen und Mapper die eingetragenen Daten: Sie prüfen auf Fehler, korrigieren falsch eingezeichnete Strukturen und stellen sicher, dass die Qualität stimmt. Im dritten Schritt gehen Teams vor Ort – lokale Freiwillige oder humanitäre Fachkräfte – in die kartierten Gebiete und ergänzen, was kein Satellitenbild zeigen kann: Strassennamen, die Funktion eines Gebäudes, Evakuierungspunkte, Gemeinschaftszentren. Erst dieser dritte Schritt macht aus einem Datensatz eine wirklich nutzbare Karte.

Das Ergebnis ist keine statische PDF-Karte, die irgendwann veraltet. Es ist eine lebendige, jederzeit aktualisierbare Datenbasis, die Hilfsorganisationen, lokalen Behörden und der Bevölkerung selbst gleichermassen zur Verfügung steht – kostenlos und für immer.

Wusstest du? Bei zwei Mapathons in Malaysia im August 2025, organisiert von Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit der QBE Foundation und der Soka International School, kartierten 43 Unternehmensfreiwillige und 55 Schülerinnen und Schüler zusammen 6.172 Häuser – und verbesserten damit potenziell den Zugang zu humanitärer Hilfe für über 6.000 Gemeinden und Familien weltweit. Innerhalb von zwei Stunden.


The missing map bei einem Mapathon. Bild Missing Maps
The missing map bei einem Mapathon. Bild Missing Maps

Konkrete Wirkung: Was Karten verändern

Es wäre einfach, Missing Maps als abstraktes Datenprojekt zu beschreiben. Aber hinter jeder Zahl, jeder Linie auf einer digitalen Karte steckt eine konkrete Entscheidung – wer Hilfe bekommt, wie schnell, wie effizient.

Theresa Berthold, Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen, beschreibt das am Beispiel eines Masernausbruch-Einsatzes im Tschad: „Richtige Karten haben wirklich einen grossen Unterschied gemacht, wie wir unsere Zeit und Ressourcen eingesetzt haben. Wir konnten nach den bestätigten Lagen der Dörfer planen und unseren Zeitplan entsprechend aufstellen.“ Für Feldteams, die täglich Entscheidungen unter Zeitdruck treffen – welches Dorf zuerst, welche Route, welche Teams wohin –, ist verlässliche Kartendaten keine Selbstverständlichkeit. Sie ist der Unterschied zwischen gezielter Hilfe und dem Suchen im Dunkeln.

In Nigeria unterstützte Missing Maps ein Programm für reproduktive Gesundheit, das Frauen und Mädchen in ländlichen Regionen besseren Zugang zu Versorgung und Aufklärung bringen sollte. Das Problem zu Beginn: Es gab keine räumlichen Daten. Keine Dorflagen, keine Strassennamen, keine Gebäudestandorte – damit auch keine Möglichkeit, eine belastbare Erhebung zu planen oder die Programmarbeit sinnvoll zu strukturieren. Remote-Freiwillige kartierten daraufhin 40.734 Gebäude und 1.283 Wohngebiete – eine Fläche, die 1,3-mal so gross ist wie Greater London. Erst mit diesen Daten konnte das Programmteam verstehen, wo Menschen leben, wie weit sie von Versorgungseinrichtungen entfernt sind und wo die Lücken am grössten sind. Aus Unsichtbarkeit wurde Planung.

In Kulob, Tadschikistan, zeigte sich eine weitere Dimension dieser Arbeit: Remote-Mapping und lokales Wissen können nicht getrennt werden, sondern brauchen einander. In der Stadt mit einer der höchsten Tuberkulosebelastungen des Landes wollte ein MSF-Team verstehen, woher Patientinnen und Patienten kamen – um Screening-Aktivitäten gezielter einzusetzen. Das Problem: Stadtteilgrenzen existierten auf keiner öffentlichen Karte. MSF-Mitarbeitende kartierten die Gegend gemeinsam mit Remote-Freiwilligen über den HOT Tasking Manager. Gleichzeitig zeichneten lokale Teams Stadtteilgrenzen auf gedruckte Karten, die dann digitalisiert und in OpenStreetMap eingetragen wurden. Was dabei entstand, waren nicht nur Daten – es waren die allerersten öffentlich zugänglichen Stadtteilkarten von Kulob, die heute die Tuberkulose-Screening-Arbeit vor Ort unterstützen.

Diese drei Beispiele illustrieren, was Missing Maps in der Praxis bedeutet: nicht Karten um der Karten willen, sondern Sichtbarkeit als Voraussetzung für Würde und Versorgung.

OpenStreetMap: Die Wikipedia der Karten

Das technische Rückgrat von Missing Maps ist OpenStreetMap – eine freie, offene Plattform. (verifiziert) Was in OpenStreetMap eingetragen wird, bleibt öffentlich und kostenlos – für NGOs, für Regierungen, für die lokale Bevölkerung selbst. (verifiziert)

 


Quellen :

British Red Cross (2025): The impact of Missing Maps at British Red Cross. Verfügbar unter: https://medium.com/digital-and-innovation-at-british-red-cross/the-impact-of-missing-maps-at-british-red-cross-aa26b424dd26

Doctors Without Borders (2024): The Missing Maps Project. Verfügbar unter: https://www.doctorswithoutborders.org/latest/missing-maps-project

Doctors Without Borders APAC (2025): Missing Maps: A decade of saving lives through geodata. Verfügbar unter: https://doctorswithoutborders-apac.org/en/stories/missing-maps-a-decade-of-saving-lives-through-geodata

Missing Maps (2025): Missing Maps. Verfügbar unter: https://missingmaps.org/

Wikipedia (2024): Missing Maps. Verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Missing_Maps


https://guteideenblog.org © 2025 by Gute Ideen ist lizenziert unter CC BY 4.0. Kurz erklärt: Nutze alles und verlinke auf diesen Artikel. Wenn Dich der Artikel inspiriert hat darüber zu schreiben oder aktiv zu werden, bitte lass es uns wissen 🙂 www.guteideenblog.org/kontakt

 

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert